Samstag, 29. März 2014

Stadttheater Heilbronn - Goethe-Inszenierung des Regisseurs Franz Winter (1983)



 „Iphigenie auf Tauris“ am Stadttheater Heilbronn

Goethe umgepolt –
Humanität als Attitüde

Von Jürgen Dieter Ueckert

„Noch nie erblickte man ei­ne solche Vereinigung physi­scher und geistiger Vollkom­menheit und Schönheit in ei­nem Mann“, berichtete ein Herr Hüfeland über die Lieb­haberaufführung der Iphigenie  - und meinte mit seiner Hymne den Autor, der damals am 6. April 1779 den Orest zum be­sten gab. Jetzt hat das Schau­spiel des Olympiers Goethe die Bühne des neuen Heilbronner Thea­ter erreicht. Schönheit sollte auch hier Triumphe feiern - wie es schien.

Wenn Iphigenie als edle Fi­gur um Humanität ringt, dann wird es landläufig auf deut­schen Bühnen langweilig. Vie­le erinnern sich der mühsamen Plage mit einem klassischen Text in Schülerzeiten und fin­den sich in den zumeist hand­lungsarmen Darstellungen der Sprechtheater bestätigt.

„Maß, Harmonie und Gelas­senheit" waren die Stichworte, die Goethe nach der geistig recht stürmischen Begegnung mit Frau von Stein in Weimar 1786 in Italien bei der Vollen­dung des Stücks bestimmten - laut Litera­turhistoriker-Ansicht . So fließt die „Iphi­genie" als edles wohllauten­des Parlando dahin  - rein textlich: Das Geschehen soll sich in den Seelen der Handelnden vollziehen. Das Goethe-Schauspiel theatralisch aufzurauhen, das ist ein oft unternommener Ver­such - nicht nur in unseren Tagen.

So hatte Claus Peymann in seiner Stuttgarter Zeit die Iphi­genie als wohlmeinendes „Schulfrollein“ präsentiert, das belehrend auf ihre Umge­bung einzuwirken gedachte. War dabei ein Ansatz von Emanzipation mittels Wissen, eine Ironisierung schulmeisterlicher Gedanken-Akroba­tik gegeben, so hielt sich Franz Winter, der regieführende Burgschauspieler aus Wien, in Heilbronn mehr an den Satz der Iphigenie „Ich bin doch so frei geboren als ein Mann".

Iphigenie war damit in Heilbronn nicht mehr jene, die allein nach Hu­manität ringt, um der reinen Menschlichkeit eine neue Wirklichkeit zu geben. In der Käthchenstadt gebärdete Iphigenie sich viel­mehr als Ringkämpferin mit ihrer Seele, ihrer Herkunft, ih­rer Liebe - und jenen der an­deren Personen.

Gezeigt wurden diese inne­ren Vorgänge auf der Bühne in kleinen Studien der Psyche und des Körpers, die um Be­freiung ringen. Iphigenie im heiligen Hain am Gestade des Landes der Skythen - das ist ein Saal, von meterhohen Bret­tern umgeben, der Boden mit Spiegeln ausgelegt - ein schö­nes Bühnenbild von Thomas Pekny. Hier kauert sie, die Verlassene, oder sie bewegt sich in Haltungen, die bei Kin­dern mit Hospitalismus zu se­hen sind. Spricht sie den Satz, daß sie doch frei geboren sei, dann nimmt ihr Körper eine Boxerhaltung ein. Aha?!

Iphigenie weiß um den Fluch ihres Geschlechts aus dem Hause des Tantalus und geht hausieren mit diesem Leid, benutzt es als Waffe. Wird ihr der Bruder, der Muttermörder Orest, als zu opfern­der Mensch in den Hain ge­worfen, so kann sie beim Er­zählen (vor dem Bruder-Begleiter und -Freundes Pylades) vom schrecklichen Leidensweg nur trotzig, recht mechanisch den ohnmächtigen Verwandten streicheln, Mutterersatz sein. Selbst die Liebe des Bruders zu seiner Schwester wird in die­ser Inszenierung noch als Fluch-beladen interpretiert.

Orest bricht nach seinem Be­kenntnis, nur die Schwester zu lieben, das in den Versuch ei­nes Kusses mündet, in einem körperlichen Anfall zusam­men. Iphigenie hält ihn wenig später pieta-gemäß - und erlöst ihn von seinen Qualen durch ihre körperliche Liebe, die deutlich vom Inzest geprägt ist. Thoas, der Barbarenfürst, ihr Gastgeber und Freier, ist dabei ein recht ungoethe‘scher Beobachter der Geschwister­liebe.

Das ist ein Kontrast zur Iphi­genie, die ihr anfängliches Priesterin-Dasein im „Spiegel-Hain" wie eine putzsüchtige Hausfrau durchführt, die zu Anfang neurotisch um die Sau­berkeit ihrer Gedanken be­müht ist. Sie wird eingeholt von ihrem Schicksal und dem ihrer Familie.

Madeleine Lienhard durchschreitet ihre Hauptrolle furienhaft, zuckt und ruckt mit dem Körper, versteigt sich zu einer Gesichtsakrobatik, die Verwirrtheit zu vermitteln sucht. Ekstatische Ausbrüche gehen hier nicht aus dem Text hervor - dramaturgisch begründet. Die Ausbrüche sind brutal gegen die Worte gesetzt. Eine Frau in Zwangshaltungen versucht sich von Fesseln zu befreien, aber ihre Seele kämpft gegen den Verstand und landet damit im vorbe­stimmten, Fluch-beladenen Schicksal.

Orest dagegen ist ein von der eigenen Schuld Faszinier­ter, ein Naivling, ein Rausch­süchtiger seiner Seele, von Au­gust Schmölzer mit einem kindlichen Draufgängertum ausgestattet. An ihm und sei­nem Freund Pylades (Erich Krieg) - in Soldatenkleidern des 18. Jahrhunderts - wird der Versuch unternommen, jüngste Kolonialgeschichte zu illustrieren. 

Nimmt man die beiden Barbaren Thoas (Jo­hannes Bahr) und Arkas (Titus Horst) hinzu, die verschämt als Balkan-Ziegenhirten über die Bühne huschen, so drängen sich österreichische Zustände auf.       
Bleibt zum Schluß dieser sehr jugendlichen Inszenie­rung, vom Alter der Darsteller her gesehen, daß nur Thoas dem Schlüsselbegriff der hu­manen Existenz bei Goethe, der „Entsagung“ entspricht - mit Trä­nen im Auge.

Als Oper wäre diese Klassi­ker-Inszenierung wahrschein­lich aufgefallen - in Heil­bronn. Da gab es vieles in den mimischen, gestischen Übertreibungen und den eigenwilligen Bewegungsabläufen, das als Unterstreichung von Ge­sang interessant gewesen wä­re. So aber - im Sprechtheater - blieb die schauspielerische Leistung weit hinter den intellektuell-irrlichternen Regie-Absichten zurück. Und im Übrigen: Schauspiel sollte auch von der hörbaren Artikula­tionsfähigkeit der Akteure leben.

Fazit: Jugendliche Aristo­kraten demonstrieren sehr vordergründig Seelenblähungen, ihre Emanzipationsgelüste und Ansprüche an unbedingte Freiheiten. Humanität ist da­bei eben nur Attitüde. Eine ästhetisierende Arbeit, diese Inszenierung, in der Goethe umgepolt wurde.

Premiere am Freitag, 04.11.1983

Neckar-Express

Nummer 48 / Seite 15

Donnerstag, 01. Dezember 1983

Rhein-Neckar-Zeitung

Mittwoch, 09. November 1983

Süddeutscher Rundfunk

Freitag,11. November 1983




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