„Iphigenie
auf Tauris“ am Stadttheater Heilbronn
Goethe
umgepolt –
Humanität
als Attitüde
Von Jürgen Dieter Ueckert
„Noch
nie erblickte man eine solche Vereinigung physischer und geistiger Vollkommenheit
und Schönheit in einem Mann“, berichtete ein Herr Hüfeland über die Liebhaberaufführung
der Iphigenie - und meinte mit seiner Hymne den Autor, der damals am 6.
April 1779 den Orest zum besten gab. Jetzt hat das Schauspiel des Olympiers
Goethe die Bühne des neuen Heilbronner Theater erreicht. Schönheit sollte auch
hier Triumphe feiern - wie es schien.
Wenn
Iphigenie als edle Figur um Humanität ringt, dann wird es landläufig auf deutschen
Bühnen langweilig. Viele erinnern sich der mühsamen Plage mit einem klassischen
Text in Schülerzeiten und finden sich in den zumeist handlungsarmen
Darstellungen der Sprechtheater bestätigt.
„Maß,
Harmonie und Gelassenheit" waren die Stichworte, die Goethe nach der
geistig recht stürmischen Begegnung mit Frau von Stein in Weimar 1786 in
Italien bei der Vollendung des Stücks bestimmten - laut Literaturhistoriker-Ansicht
. So fließt die „Iphigenie" als edles wohllautendes Parlando dahin
- rein textlich: Das Geschehen soll sich in den Seelen der Handelnden
vollziehen. Das Goethe-Schauspiel theatralisch aufzurauhen, das ist ein oft
unternommener Versuch - nicht nur in unseren Tagen.
So
hatte Claus Peymann in seiner Stuttgarter Zeit die Iphigenie als wohlmeinendes
„Schulfrollein“ präsentiert, das belehrend auf ihre Umgebung einzuwirken
gedachte. War dabei ein Ansatz von Emanzipation mittels Wissen, eine
Ironisierung schulmeisterlicher Gedanken-Akrobatik gegeben, so hielt sich
Franz Winter, der regieführende Burgschauspieler aus Wien, in Heilbronn mehr an
den Satz der Iphigenie „Ich bin doch so frei geboren als ein Mann".
Iphigenie
war damit in Heilbronn nicht mehr jene, die allein nach Humanität ringt, um
der reinen Menschlichkeit eine neue Wirklichkeit zu geben. In der Käthchenstadt
gebärdete Iphigenie sich vielmehr als Ringkämpferin mit ihrer Seele, ihrer
Herkunft, ihrer Liebe - und jenen der anderen Personen.
Gezeigt
wurden diese inneren Vorgänge auf der Bühne in kleinen Studien der Psyche und
des Körpers, die um Befreiung ringen. Iphigenie im heiligen Hain am Gestade
des Landes der Skythen - das ist ein Saal, von meterhohen Brettern umgeben,
der Boden mit Spiegeln ausgelegt - ein schönes Bühnenbild von Thomas Pekny.
Hier kauert sie, die Verlassene, oder sie bewegt sich in Haltungen, die bei Kindern
mit Hospitalismus zu sehen sind. Spricht sie den Satz, daß sie doch frei
geboren sei, dann nimmt ihr Körper eine Boxerhaltung ein. Aha?!
Iphigenie
weiß um den Fluch ihres Geschlechts aus dem Hause des Tantalus und geht
hausieren mit diesem Leid, benutzt es als Waffe. Wird ihr der Bruder, der
Muttermörder Orest, als zu opfernder Mensch in den Hain geworfen, so kann sie
beim Erzählen (vor dem Bruder-Begleiter und -Freundes Pylades) vom
schrecklichen Leidensweg nur trotzig, recht mechanisch den ohnmächtigen Verwandten
streicheln, Mutterersatz sein. Selbst die Liebe des Bruders zu seiner Schwester
wird in dieser Inszenierung noch als Fluch-beladen interpretiert.
Orest
bricht nach seinem Bekenntnis, nur die Schwester zu lieben, das in den Versuch
eines Kusses mündet, in einem körperlichen Anfall zusammen. Iphigenie hält
ihn wenig später pieta-gemäß - und erlöst ihn von seinen Qualen durch ihre
körperliche Liebe, die deutlich vom Inzest geprägt ist. Thoas, der
Barbarenfürst, ihr Gastgeber und Freier, ist dabei ein recht ungoethe‘scher
Beobachter der Geschwisterliebe.
Das
ist ein Kontrast zur Iphigenie, die ihr anfängliches Priesterin-Dasein im
„Spiegel-Hain" wie eine putzsüchtige Hausfrau durchführt, die zu Anfang
neurotisch um die Sauberkeit ihrer Gedanken bemüht ist. Sie wird eingeholt
von ihrem Schicksal und dem ihrer Familie.
Madeleine
Lienhard durchschreitet ihre Hauptrolle furienhaft, zuckt und ruckt mit dem
Körper, versteigt sich zu einer Gesichtsakrobatik, die Verwirrtheit zu
vermitteln sucht. Ekstatische Ausbrüche gehen hier nicht aus dem Text hervor -
dramaturgisch begründet. Die Ausbrüche sind brutal gegen die Worte gesetzt.
Eine Frau in Zwangshaltungen versucht sich von Fesseln zu befreien, aber ihre
Seele kämpft gegen den Verstand und landet damit im vorbestimmten,
Fluch-beladenen Schicksal.
Orest
dagegen ist ein von der eigenen Schuld Faszinierter, ein Naivling, ein Rauschsüchtiger
seiner Seele, von August Schmölzer mit einem kindlichen Draufgängertum
ausgestattet. An ihm und seinem Freund Pylades (Erich Krieg) - in
Soldatenkleidern des 18. Jahrhunderts - wird der Versuch unternommen, jüngste
Kolonialgeschichte zu illustrieren.
Nimmt
man die beiden Barbaren Thoas (Johannes Bahr) und Arkas (Titus Horst) hinzu,
die verschämt als Balkan-Ziegenhirten über die Bühne huschen, so drängen sich
österreichische Zustände auf.
Bleibt
zum Schluß dieser sehr jugendlichen Inszenierung, vom Alter der Darsteller her
gesehen, daß nur Thoas dem Schlüsselbegriff der humanen Existenz bei Goethe,
der „Entsagung“ entspricht - mit Tränen im Auge.
Als
Oper wäre diese Klassiker-Inszenierung wahrscheinlich aufgefallen - in Heilbronn.
Da gab es vieles in den mimischen, gestischen Übertreibungen und den eigenwilligen
Bewegungsabläufen, das als Unterstreichung von Gesang interessant gewesen wäre.
So aber - im Sprechtheater - blieb die schauspielerische Leistung weit hinter
den intellektuell-irrlichternen Regie-Absichten zurück. Und im Übrigen:
Schauspiel sollte auch von der hörbaren Artikulationsfähigkeit der Akteure
leben.
Fazit:
Jugendliche Aristokraten demonstrieren sehr vordergründig Seelenblähungen,
ihre Emanzipationsgelüste und Ansprüche an unbedingte Freiheiten. Humanität ist
dabei eben nur Attitüde. Eine ästhetisierende Arbeit, diese Inszenierung, in
der Goethe umgepolt wurde.
Premiere am Freitag, 04.11.1983
Neckar-Express
Neckar-Express
Nummer 48 / Seite 15
Donnerstag, 01. Dezember 1983
Rhein-Neckar-Zeitung
Mittwoch, 09. November 1983
Süddeutscher Rundfunk
Freitag,11. November 1983
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