Montag, 31. März 2014

Freilichttheater Neuenstadt am Kocher - Kleists "Das Käthchen von Heilbronn" (1983)



Im Neuenstädter Burggraben Kleists „Käthchen von Heilbronn“

Al­les verlernt zugunsten eines Höhenflugs

Von Jürgen Dieter Ueckert

Den langgehegten Wunsch hat sich die Neuenstädter Laienbühne erfüllt: In diesem Sommer endlich wird im Burggraben Heinrich von Kleists „Das Käthchen von Heil­bronn“ gespielt. Einen ,,volksliedhaften Charakter“ sollte die Neuenstädter Fassung er­halten - so verkündete Eber­hard Bim, der die „Freie Bear­beitung“ des Stückes besorgte und auch den Friedrich Wetter Graf vom Strahl spielt. Warum hatte man sich den langgeheg­ten Wunsch nicht schon früher erfüllt? Paul Wanner, der 88-jährige Nestor des württembergischen Volkstheaters, ein Mann, der den Neuenstädtem seit Jahren innigst verbunden war, dessen Theaterstücke mannigfach auf der Burggra­ben-Bühne gespielt wurden, lehnte schon vor Jahren ab, das Käthchen im Kocherstädt­chen zu spielen. Und Georg Hahn, der Berufsregisseur mit langer Freilichtbühnen-Erfahrung, der den Neuenstädter Laienspielern in den zurückliegenden sieben Jahren viele Impulse zu geben vermochte, auch er hatte den Plan unver­blümt von sich geschoben, das große Ritterschauspiel von der Feuerprobe zu inszenieren. Blieb also der Schauspieler-Regisseur Ernst Dauscher, der glücklich war, endlich ein kleiner „Freilicht-Intendant“ zu werden.
***
Eine Binsenwahrheit: Laien­spieler auf Freilichtbühnen sind keine Berufsschauspieler. Aber in Neuenstadt am Kocher besitzt man eine nahezu 30-jährige Spieltradition, auf die man mit Grund sehr stolz ist. Der Regisseur Georg Hahn über die Laienspieler im Jahre 1982: „Ich habe in den sieben Jahren in Neuenstadt versucht, ihnen einiges vom Handwerk beizubringen. Allerdings habe ich mich immer dagegen gewehrt, daß sie Hochdeutsch sprechen. Sie sollten in der Sprache bleiben, in der sie leben und lebendig sind. Wenn die Laien Hochdeutsch spre­chen, wird rezitiert, dann wird's gehaltlos und aus­druckslos." - Im vergangenen Spieljahr, als Hahn diese Wor­te in einem Interview zu seiner letzten Neuenstädter Inszenierung formulierte, stand noch Paul Wanners „Die Altweiber­mühle“ - im Dialekt gespro­chen - auf dem Freilicht-Pro­gramm. Der Wunschtraum der Neuenstädter - geronnen zu einem Trauma? Das Käthchen rezitiert von Laien; ein Versuch, Bühnendeutsch zu sprechen - Georg Hahns Worte wurden bei der Premiere im Burggra­ben voll bestätigt und zur bedrückenden Wirklichkeit des Abends.
***
Ging es bei den Komödien, Schwänken und Possen auf der Burggraben-Bühne immer hoch her, wurde derb und laut auf den Effekt gesetzt, oftmals auch so danebengehauen, daß einem vor lauter Lachen oder Entsetzen schwindelte, so bot man doch insgesamt munter gespieltes, engagiert und angemessenes Laientheater. Beim Käthchen aber scheint vieles einst Erlernte, Erprobte vergessen zu sein: Man stol­ziert staksig über die Bühne, eingezwängt in Kostüme, als wäre man gerade aus kitschi­gen Prunkbildern gestiegen, formt eine Kunstsprache, die nur noch künstlich mit heißem Atem ausgestoßen wird - aber nicht das Stück leben läßt. Kurz gesagt: Die Männer hal­ten sich am Knauf ihrer Degen fest, die Damen raffen die Röcke. Vornehme Adelswelt im Amateurtheater wirkt lächer­lich, wenn man sie tierisch ernst nimmt. Es war doch schon einmal so, daß Neuen­städter Laien auch über die Bühne gehen, Bewegungen mit Sprache und Gestus in ein Verhältnis setzen konnten. Al­les verlernt zugunsten eines Höhenflugs?
***
Auch wenn das Käthchen am Heilbronner Stadttheater zur Eröffnung des Neubaus nicht gespielt wurde, so stand es bei uns im Südwesten in den letz­ten Jahren doch immer wieder auf den Spielplänen der Thea­ter: Am Heilbronner Theater gab's Georg Hahns Inszenie­rung, am Staatstheater in Karlsruhe spielte gar eine Heilbronnerin das Käthchen und Claus Peymann inszenier­te mit Kleists Stück einen sei­ner ganz großen Erfolge am Staatstheater in Stuttgart. Das „Käthchen“ als ernsthaftes Rit­terschauspiel - das wirkt von vornherein lächerlich. Aber auch als Märchen, in dem Rit­ter eben ritterlich sind, kann es nur naiv sein. Kleists Kampf einer bürgerlichen Liebe mit den starren Vorstellungen der herrschenden Klasse, des Adels, ist ein Kampf, der in Träume entweicht, in einer Traumwelt nahe dem Tode neue Qualitäten erhält, die Grenze zur Wirklichkeit wie­der zu erreichen sucht. Will man ein volksliedhaftes Mär­chen daraus machen, dann muß auch Kleists Sprache, ja das ganze Stück umgeschrie­ben werden. Das „Käthchen" in schwäbisch-fränkischem Dialekt - das hätte nach Neu­enstadt gepasst, wäre der Qua­lität der Bühne und der Laien­spieler vielleicht angemessen gewesen. Kleists zum Teil am­putierte Sprach- und Bild-Gewalt selbst aber erdrückte hier das Spiel der Laien dazu noch.
***
Warum hängt sich in Neuen­stadt eigentlich ein blitzsaube­res Bürgertöchterchen in im­mer dem gleichen schnuckligen Kostüm an das Prachtge­wand eines Don-Giovanni- Grafen, den es unabänderlich zu lieben meint? Warum nur? Die Worte des Textes sagen: Sie ist ein Tramp, ein Groupie, das verzaubert oder gar mit Drogen vollgestopft sein muß, außer sich, eine „Ver-rückte“, eine träumende, ohnmächtige Kleist-Frauengestalt. Das Käthchen schläft bei den Pfer­den, auf einer Wiese und zeigt sich in Neuenstadt doch im­mer, als trete sie gerade aus der Spinnstube, fern jeglicher Haus- und Stallarbeit. So log man Kleist mit jenem süßlichen Kostüm aus dem Fundus romantisierender Touristen­ideologie an, sich selbst und die Zuschauer aber auch. - Eva Roth, die 16jährige Realschülerin, war bestimmt ein hüb­sches Käthchen mit einer schö­nen Stimme. Wenn sie auch noch das Käthchen hätte spie­len dürfen, wie erregend wäre das für sie und die Zuschauer gewesen.
***
Den Text des Stückes zu ver­ändern - das ist legitim. Aber wenn schon ein Märchen, ein Volkslied nahe dem Bänkelgesang - ja, warum fehlen dann der „lichtumflossene Cherub“, die Giftmischerin Kunigunde, das Gottesgericht, der Kaiser, der seine leibliche Tochter Käthchen anerkennt? Wo sind sie abgeblieben, die ach so volkstheatergemäßen Züge im Kleist-Stück? Blöde Vernünftelei gegen das traum-geschwän­gerte Kleist-Schauspiel - das war unnötig. Denn damit erklärt sich kaum mehr etwas. Kunigunde, die aus künstli­chen Körperteilen zusammen­gesetzte Verlobte des Grafen vom Strahl, wird kurz Umrissen - aber nicht als tragische, adli­ge, auch liebende Gegenspie­lerin des Käthchens verdeut­licht. Daß das Käthchen ein Bastard aus den Lenden des Kaisers ist, wird verschwiegen. Und zum Schluß wird sie den­noch als „Prinzessin von Schwaben“ deklariert? Wie das? Märchen und Träume sind nicht unbedingt mit kau­salem Denken zu ergründen. Die Geschichte aber muß stim­men. In Neuenstadt schlägt sie Purzelbäume.
***
Zu lachen gab's wenig im Burggraben. Die Laien stand auf der Bühne und deklamierten. Nach einer vollen Stunde prasselte der Beifall im Publikum: Auf der Bühne war - ruck, zuck - ein Ritter erstochen worden. Auch die Thurneck-Burg brannte seltsam un-integriert ins Bühnengeschehen - ohne den rettenden Cherubin - vor sich hin. Dafür war die Heirat am Schluß umso schöner: das Elizabeth-II-Jubiläum - die englische Femsehhochzeit vor 30 Jahren - läßt grüßen. Von einem Traum aber, einer Kleist‘schen Frauengestalt, war wenig zu sehen. Neuenstadts Käthchen erlebte die Grenze vom Traum zur Wirklichkeit am Ende nicht in einer Ohn­macht. Sie stand fest auf dem Asphaltboden der Amateur-Bühnen-Wirklichkeit im Burg­graben. Und die zivilisierte Wirklichkeit unserer Tage hol­te das Spiel am Abend sehr oft ein: Romantik zwitschernder Vögel, gemischt mit einem Au­to- und Mofa-Lärm, der das Tönen in der Inszenierung derart überdeckte, daß kaum ein Wort zu verstehen war.
***
Was brachte nun der neue Regisseur Emst Dauscher sei­nen Laienspielern? Den tumben Trommelwirbel zwischen den Szenen? Die naiv glitzern­den Opern-Kostüme - mittelalterlich und renaissancehaft verzuckert? Die Unbeweglich­keit der Figuren im Theater-Spiel? Das Aussparen jeglicher Erotik? Das an Kleist-Gedan­ken Sich-vorbei-Mogeln? Das alles bestimmt. Aber vor allem die Reduzierung des Laienspiels auf die naiven An­fänge von Theaterspiel. Nach dieser Inszenierung müssen die Spieler in Neuenstadt sich besinnen. Warum nur hat man sich derart gegen den Rat der alten Freunde des Neuenstädter Freilichttheaters vergrif­fen? Nur um den Burggraben mit Zuschauern vollzubekommen? Um den Heilbronnern zu zeigen, daß man in Neuenstadt am Kocher auch „richtig“ Theater spielen kann? Laien­theater-Spiel ist eine zarte Pflanze. Man kann sie mit zu starken und literarisch-ge­wichtigen Stücken zerstören.

Neckar-Express
Rhein-Neckar-Zeitung
Süddeutscher-Rundfunk
10.Juni 1983

Stadtheater Heilbronn - Kindertheater - "Der Lebkuchenmann" (1986)


Ein vorweihnachtlicher Spaß für Kinder im Heilbronn Stadttheater

„Der Lebkuchenmann“ rockt übers Küchenbord

Von Jürgen Dieter Ueckert

Theater für Kinder soll kein Theater von Doofen für Doofe sein. Ein sehr deutlicher Satz aus der bunten Vorstellungsrede Klaus Wagners vor dem Heil­bronner Gemeinderat im Jahre 1979 - wenige Minuten bevor ihn eine Mehrheit zum Prinzipal des Stadttheaters kürte.

Was Kindern und Jugendli­chen bisher in der Intendanten-Aera Klaus Wagner an Stücken geboten wurde, ent­spricht bestimmt in den selten­sten Fällen den pädagogischen Aufklärungs- und Mitspielab­sichten verbissener Theater-So­zialarbeiter aus den siebziger Jahren.

Aber ,,Klassenfeind", „Was heißt denn hier Liebe" und auch die alljährlichen Mär­chen, ob nun „Ali Baba" oder jetzt „Der Lebkuchenmann", weisen sich nicht nur als Publi­kumserfolge aus, sondern sind mit Engagement und großem Aufwand hergestellte Theater-Produktionen - dem Erwachse­nentheater durchaus ebenbür­tig. Nein, die Heilbronner Theatermacher experimentie­ren nicht für oder mit Kindern und Jugendlichen — sie bieten bundesrepublikanisches Stadt­theater-Niveau für Kinder der achtziger Jahre.

„Vielfalt und Überraschung“ lautet ein Standard-Motto des Hauses am Berliner Platz. In Kinderträume mit den Mitteln des Theaters einzusteigen ist ein legitimes Unterfangen. Da­mit dürfte das junge Publikum schon halb gefesselt sein. Es gab eine Zeit, in der das Theater - neben der Kirche - im weltlichen Raum noch die ein­zige reale Illusion auf Erden war. Eine Welt, in der es ansonsten nur die donnernden und tosenden Naturge­walten, Menschen- oder Tier­stimmen gab. Damals konnte ein größ­tenteils unverbildetes Publikum die Spannung zwischen Illusion und Wirklichkeit als eine durch­aus eigene Realität begreifen.

Heute scheint das nur noch Kindern zu gelingen. So feiert also „Der Lebkuchenmann", das eingedeutschte Musical des Engländers David Wood, im Großen Haus des Stadttheaters Heilbronn, derzeit in zwei Vor­stellungen täglich, einen Erfolg, der die Kinder nach nahezu je­der Vorstellung „Zu-ga-be, Zu-ga-be" brüllen läßt. Und das trotz ellen­langer Wortwürmer in der nicht gerade berauschenden Überset­zung („Teeblätter haben schon immer magische Wahrsage-E­igenschaften gehabt").

Das Staunen ist des Wunderns liebstes Kind - und das Wunder das liebste Kind des Glaubens. Zauber als Beigabe oder Voraussetzung für die Wunder ist da­bei unbedingt vonnöten. Walt Disney verwandte ihn in seinen Zeichentrickfilmen, eigentlich jeder Märchenerzähler, wenn er die schnöde, langweilige Rea­lität des Alltags abstreifte.

Leb­lose Gegenstände der genorm­ten Welt erhalten auf diesem Wege einen Odem, der sie in die Traumlandschaften trägt, die vornehmlich Kinder als ihre Welt betrachten. Logische und vernünftige Erwägungen wer­den mit einer alle  Grenzen überschreitenden Phantasie ge­sprengt. Im Land Phantasia oder im Schlummerland hat die anarchi­sche Freiheit noch ihre eigentliche Heimat.

Im „Lebkuchenmann“ wird ein schlichtes Küchenbord in einem ganz biederen Kleinbürger­haushalt zum Land der Träume. Eierbecher, Teigrolle, Briefe, Gewürzdosen, Teekanne, Ra­dio, Teller, eine H-Milch-Tüte mit Strohhalm oder eine Cola-Dose: das ist Bühnendekora­tion und so ungewohnt groß, daß das Staunen sich in vielen Oh‘s und Ah‘s ergießt, wenn sich der Vorhang öffnet.

Nächstes Wunder: die Kuckucksuhr-Tür öffnet sich, und Leben ist auf der Bühne. Tragische Exposi­tion: Der Mann in der Uhr ist heiser und soll nach Ansicht der „Großen" (Erwachsene) ob seiner kläglichen Stunden-Rufe in den Mülleimer wandern.

Der Tod als Begleiter des Le­bens ist somit auch im Lande Phantasia zur Stelle. Aber Wich­telmänner wissen ihn bekanntlich auszutricksen. Ein Lebku­chenmann vor allem in der Vor­weihnachtszeit ist zum Naschen da. Kinder schreien trotzdem ,,Nein", wenn es auf der Bühne grausam heißt: „Die Großen werden Dich auffressen, so­lange Du knusprig bist!" –

Und die genial Widersprüchlichen, die Kinder  im Zuschauerraum verschlingen in der Pause genüßlich das teigige Programmheft des Leb­kuchenmanns. Hosianna und kreuziget ihn. Theater ist Le­ben.

Helden sind in unserer Zeit wieder gefragt. Aber der Lebkuchenmann in seiner Mischung aus Rocky-Horror-Picture-Show und Golem demonstriert nur naives Siegfried-Leben: noch ganz warm, leblos und ohne Ge­sicht wird er von einem Käptn Salz - dem Jupiter dieser Mär­chenwelt - und der Urmutter Fräulein Pfeffer geformt, verse­hen mit einem Mandel-Rosinen- Gesicht und mittels gemahle­nem Pfeffer zum Leben erweckt.

So darf dann unser neuer Mär­chen-Herkules die kraftvollen Abenteuer auf dem Küchenbord durchstehen, indem er sich von Podest zu Etage Tarzan-gleich hangelt, um den heilenden Saft, den Honig für den armen Herrn von Kuckuck zu stibitzen.
Störenfriede der guten Ab­sichten treten notwendiger­weise auch auf: ein alter schon fast vergessener englischer Tee­beutel mit Jungfernallüren und einer Gier nach Zuwendung, so­wie eine Supermaus aus dem Mafia-Milieu namens Flitsch Gamasche mit ellenlangem Schwanz.

Bei englischen Mär­chen sind bunter Zuckerguß und victorianische Prüderie als Charakterisierung - und das je­weilige Gegenteil dazu immer präsent. Aber die Geister, die stets das Böse wollen und nur das Gute schaffen, verhelfen letztlich zur Gesundung des heiseren Wesens und der Ge­schichte, trotz Verfolgungsjag­den, Naschsucht, Rachegelü­sten und Giftausstreuen der Er­wachsenen, jener „Großen ", die nur über den Lautsprecher an­onym im Märchen hörbar sind.

Birke Brucks Inszenierung des Kindermusicals ist teilweise recht grob geschnitzt, ein Auf­dröseln der skurrilen Personen unterbleibt, und das Spiel leidet auch ein wenig unter den Mikrofonen und Lautsprechern, mittels derer Schauspieler ihre teilweise dürftigen Gesangs­künste vermitteln. Choreogra­fisch munter dagegen sind die Tanzeinlagen von Frank Schrö­der erarbeitet - und trotzdem: Gesangsnummern werden von den Kindern frenetisch be­klatscht goutiert.

The Show must go on - und das ist vornehmlich den Schau­spielern zu verdanken. Eine Heidenarbeit haben sie zu bewältigen: zwei Kindervorstel­lungen am Tag und abends Theater für die Großen. Allen voran der lockere Lebkuchenmann des Christopher Krieg, der trotz aller Spielfreude seine Rolle als positiver Held nicht recht über die Rampe zu brin­gen vermag - liegt's an der In­szenierung?

Dagegen wird der bemitleidenswerte heisere Herr von Kuckuck des Frank Schrö­der dank seines akkuraten Spiels von den Gefühlen der Kinder getragen. Tempera­mentvoll läßt Ingrid Richter- Wendel ihr Fräulein Pfeffer als überdrehte Flamenco-Tänzerin-Imitation ablaufen. Und auch der textlich ein wenig dröge ausgestattete Käpt’n Salz des Michael Tasche darf sein alt-väterlich-dominierendes Wesen deutlich machen.

Flitsch Gamasche, Martin Krieners Mausdarstellung mit den Wortverwechslungen (kekkere Last, eh, nein, leckere Kost), erregt Abscheu bei den Kindern, teilweise so diabolisch, daß sie ihn am Schluß gar nicht mehr mitspielen lassen wollen.
Und schließlich Thomas Klenk in der Rolle des alten Teebeu­tels: er macht aus der jungferlichen Person eine schöne Stu­die puritanischer Strenge, ge­paart mit toleranten Schwachmomenten - immer heiser den Genüssen des Lebens entge­genstrebend.

Schöne Verwirrspiele sind meistens erklärbar. Warum aber Erwachsene Mäusegift auf ih­ren Küchenschrank werfen, warum die Mafia-Maus den Ra­dio-Lautsprecher völlig unbe­merkt zerstören muß, um einen Auftritt zu haben, warum ein Teesieb als Mausefalle benutzt wird, wenn im Haushalt nur Teebeutel konsumiert werden - das sind müßige Fragen an eine nicht vorhandene Produktions­dramaturgie.

Birke Brucks Märchen-Insze­nierung ist stellenweise ein von einem dramatischen Knoten zum nächsten hüpfende Kunterbunt-Märchen, das dank der Schauspieler und ihrer Spiel­freude und -lust immer wieder abschnurrt wie ein Uhrwerk.

Kindern und Erwachsenen ist der Heilbronner Lebkuchen­mann als Weihnachtseinstim­mung durchaus zu empfehlen. Kein Stück für Doofe, aber auch keine allzu gewichtige Kindertheater-Produktion.


Neckar-Express
Nummer 50 / Seite 10
Donnerstag, 11. Dezember 1986
Rhein-Neckar-Zeitung
11.12.1986
Süddeutscher Rundfunk
Freitag, 12.12.1986

Sonntag, 30. März 2014

Stadttheater Heilbronn - Anatevka-Inszenierung von Regisseur Klaus Wagner (1980)



Im Kühlraum der Alten Kelter bietet Klaus Wagner Musical

Anatevka für die Theater-Ja-Sager

Von Jürgen Dieter Ueckert

Heilbronns neuer Intendant Klaus Wagner buhlt um die Gunst seines Publikums. Um die Gunst der Stadtväter, der Geldgeber für das Theater, braucht er nicht mehr zu buhlen: die hat er. Sein bester Kommentator ist Klaus Wagner selbst, wenn er in der zweiten  Nummer seines Theater-Werbeblattes schreibt „Der eine  zeigt, daß er zu seinem Theater ja sagt, indem er für sein Nötiges sorgt; der andere indem er es besucht. Erst die, die Zuspruch, Betreuung und Teilhabe aufbringen für das nicht absolut Nötige, beheimaten ein Theater in einer Stadt.“

Und jene, die kritisch-distanziert dazu stehen: Sind sie das die Heimat­losen? - Stichwort für die neue Aera in Heilbronn: „Vernachlässigtes Aufarbeiten ist nötig in dieser Stadt.“ So verkündet das Theater - und organisiert einen Theatermarkt zu Beginn der Spielzeit mit den üblichen Nummern zum Werben der Abonnenten und einem Bonbon, einer Travestie-Nummer, einer Mireille-Matthieu-Parodie, die das Publikum zu Schrei- und Klatsch-Paraden verführt.

Das erste Stück der neuen Spiel­zeit 1980/81 bringt genau das glei­che Ergebnis: Heilbronns Theater­besucher geben sich der neuen Lust, dieses Theater zu sehen und zu hören, voll hin. In dem vorläufig neuen Haus, der zweiten Spielstätte des Theaters - im ehemaligen Kühl­raum der Alten Kelter Heilbronns - zeigt der Intendant seine Regie­kunst, stellt sich das neue Ense­mble vor: mit dem Musical „Anatevka“, dem Renner, der kaum mehr auf deutschen Bühnen läuft, dafür aber umso besser in Heilbronn seinen Weg gehen wird.

Die Zuschauer sitzen auf vier Tribünen verteilt im Raum. Eine Are­na-Bühne in einer schmalen Spiel­fläche bietet den Ort des Gesche­hens. Dreieinhalb Stunden läuft eine Geschichte ab, die an die lässig, gekonnt hingeworfenen Hollywood­- oder Broadway-Stücke erinnert, in Heilbronn sich aber selten aus der deutschen Starre lösen kann. Musi­cal ist eben nicht nur ein Singspiel, zum Musical gehören Tanz, Chor und ein Rhythmus, der das Tempo beschleunigt oder verlangsamt. Hier haperte es: die Inszenierung lief oft breiig dahin, quoll auf und sackte wie ein Hefeteig in sich zusammen.

Die Story des Milchmanns Tevje aus Anatevka, der drei seiner fünf Töchter mehr unfreiwillig unter die Haube bekommt, ist nur dürftiges Gerüst, plakativ: di® eine will den reichen Fleischer nicht und be­kommt dank der Tricks mit der jüdi­schen Tradition den armen Schnei­der; die zweite will den jungen Anar­chisten aus der Stadt, der Tevjes Töchter in revolutionäre Ansichten einweiht und folgt ihm nach Sibirien in die Verbannung; und die dritte kriegt ihren Russen und wird vom Vater verstoßen.

In den Sprechszenen dieses Stücks wird oft nachlässig über An­gelpunkte hinweggehuscht, wird auf die Lach- und Tränendrüsen ge­drückt, wird ein Theater geboten, das die Fähigkeit des Regisseurs aufzeigt, Emotionen hochzupeit­schen, raffiniert auf allzu Bekanntes loszugehen, um es schmackhaft zu machen - kurz: dem Affen Zucker zu geben. Das scheint auch der neue Stil des Heilbronner Theaters zu werden: lustvoll in bekannten Szenen baden, was allerdings auf den Bret­tern in dieser Stadt bisher nicht ge­zeigt wurde. Beispiel: ein Brunnen wurde auf die Spielfläche getragen, Wasser schoß aus dem Rohr, wenn man pumpte. Das Heilbronner Premieren-Publikum klatschte begei­stert.

Dazu gab es Gegensätze: Karl Straub als Milchmann Tevje sang und spielt den verschreckt linkischen Mann, nicht den knitzen Draufgänger, spielte die Angst des Juden vor den Russen, die immer in freundlicher Untertänigkeit vorhan­den ist. Dieser Tevje erreichte in seiner Versponnenheit die anderen kaum, lebte an ihnen vorbei. Was hier ein Stilmittel war, schien in den vielen kleinen Szenen oft zur Unfä­higkeit auszuarten: Schauspieler spielten nicht miteinander, hörten kaum aufeinander, sondern spielten nebeneinander her. Der Grund für ein solches Durchhängen dar Insze­nierung könnte darin liegen, daß bei der Arena-Bühne drei Seiten vom Publikum besetzt sind, in Klaus Wagners Anatevka-lnszenierung aber fast ausschließlich „Guckka­sten“ gespielt wurde. Man zeigte sich zu einer Rampe hin, die nicht vorhanden war.

Aber es gab auch Lichtblicke: zum Beispiel die Hochzeitsszene, in der die Gäste sich lustvoll streiten, ver­söhnen, wiederum streiten. Kippt das Stück um in die Tragik der Bewohner Anatevkas, werden sie vertrieben, dann zeigt sich lediglich eine oberflächliche Folklore: man sagt sich auf der Bühne: naja, es war ja immer so mit uns Juden, die Heiratsvermittlerin träumt vom gleichen Job in Jerusalem. Hier feh­len dann die Gegensätze von Spre­chen und Fühlen. So lustig war es kaum bei den orthodoxen Juden in Rußland.

Lustig sein, ohne nachzuspüren, woher die Lust dazu kommt. Das zeigt diese Inszenierung. Sie kann Brüche im Lustigsein darob nicht begreiflich machen, kann kaum klar­machen, wann der Spaß ins Grauen umkippt. So bleibt das Grauen ober­flächliche Nebensache; dominant ist der Theaterklamauk. Aber der ist kraftvoll so geboten, so naiv und dreist ansteckend, die Musik enga­giert mit dem kleinen Orchester ge­spielt, daß man das zuckrige Büh­nenbild vergessen kann, die Insze­nierung als einen Höhepunkt begrei­fen lernt, nach all den vielen Jahren Heilbronner Theaterarbeit, in denen nicht nur der Bau provisorisch war, sondern auch die Herstellung von Inszenierungen. Diese Zeiten sind jetzt vorbei. Klaus Wagner hat mit dieser Auftakt-Arbeit die Schwierig­keiten des Weges aufgezeigt.

Premiere am Freitag, 19. September 1980
Rhein-Neckar-Zeitung, 24. September 1980
Neckar-Express, 25. September 1980
Süddeutscher Rundfunk, Freitag, 26. September 1980

Samstag, 29. März 2014

Stadttheater Heilbronn - Räuber-Inszenierung des Regisseurs Andreas Nathusius (2005)


echo-Splitter: Schillers Büste und die Räuber im Theater

Ein Kultur-Schultes und die Räuber

Von Jürgen Dieter Ueckert


INTRIGE und Macht sind Bestandteile von Politik - auch im kommunalen Bereich. Harry Mergel, SPD-Fraktionschef im Heilbronner Gemeinderat, soll neuer Kultur-Bürgermeister werden. Laut Vereinbarung zwischen CDU und SPD. Die neue Fraktion aus Freien Wählern und Liberalen (6 Sitze) hätte mit der CDU (16 Sitze) zusammen eine Mehrheit. Nico Weinmann, Stadtrat aus dem Lager der Frei-Liberalen, stand schon bereit. Aber das "bürgerliche Lager" hatte sich bei der Abstimmung über den Theaterhaushalt selbst gesprengt: Die Frei-Liberalen stimmten mit der SPD gegen CDU und OB. Sicherheit gegen Lavieren, lautet jetzt der schwarz-rote Kampfruf.


SCHURKEN und Gutmenschen vermengen sich in Friedrich Schillers Die Räuber. 1759 wurde der spätere deutsche Klassiker in Marbach geboren; 1805 starb er in Weimar. Die Arbeit an dem Sturm- und Drang-Drama Die Räuber begann er mit 18; Uraufführung war am 13. Januar 1782 in Mannheim. Goethes Urteil über die Räuber: "Rohe Großheit, gezeugt im widernatürlichen Beischlaf der Subordination mit dem Genie."


BEIM SCHULTES-POKER in Heilbronn opfert die SPD ihren Baubürgermeister Ulrich Frey (57), um Harry Mergel (49) zunächst als Nachfolger des CDU-Ordnungsbürgermeisters Artur Kübler (57), ab 2006 dann als Kultur-Bürgermeister durchzusetzen. Die Stillosigkeit, mit der Frey der Stuhl vor die Tür gesetzt wurde, hat mit der vielbeschworenen Solidarität unter Genossen nichts zu tun. Mehr mit der Politik-Steigerung: Feind, Todfeind, Parteifreund. Jetzt wird den Genossen vorgeworfen, dass bei ihrer Politik Charakter zur Nebensache verkomme.


DAS THEATER glich einem Irrenhause, rollende Augen, geballte Fäuste, heisere Aufschreie im Zuschauerraum. Fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe, zur Tür. Es war eine allgemeine Auflösung wie ein Chaos, aus dessen Nebeln eine neue Schöpfung hervorbricht." So ein Premierenbesucher über die Mannheimer Uraufführung von Schillers Räubern. Nichts davon am Freitagabend in und nach der Premiere der Räuber-Inszenierung von Andreas Nathusius am Heilbronner Stadttheater.


FREUDE über die Entscheidung für den SPD-Mann war auch beim Jahresempfang des Heilbronner Theatervereins hörbar. Hanne Jacobi, die Vorsitzende: "Bei Harry Mergel, da bin ich überzeugt, ist die Kultur, und damit auch unser Theater in besten Händen. Ich frage mich allerdings, warum diese Lösung nicht schon 2005 praktiziert wird." - Auch Dr. Martin Roeder-Zerndt, Intendant des Stadttheaters, war die Freude ins Gesicht geschrieben. Am Freitag war er noch fest davon überzeugt, dass Harry Mergel im Juni 2005 Kulturdezernent wird. Das Rathaus dementierte am gleichen Tag jedoch diese Vermutung. Der designierte Kulturdezernent bei der Räuber-Premiere: "Darüber wird momentan gesprochen."

DIE BÜSTE Friedrich Schillers, die zunächst auf der Allee, dann von 1960 bis 1993 hinter der Harmonie stand und lange im Museumsmagazin ihr Dasein fristete, wurde am Freitag (28. Februar 2005), kurz vor der Räuber-Premiere, als Leihgabe im Foyer des Stadttheaters aufgestellt. Die Idee wurde beim Jahresempfang des Theatervereins geboren - und ganz unbürokratisch in die Realität umgesetzt.


BLUT, STEINE, NACKTHEIT - das erinnerte Premierenbesucher doch stark an Theateraufführungen, die sie vor 25 Jahren in Berlin gesehen hatten. Die Heilbronner Räuber-Inszenierung gebiert keine neuen Sehweisen, sondern karikiert den Olympier Schiller gelegentlich. Wenn Schiller hören würde, an welchen Stellen in Heilbronn gelacht wird, er würde ... Die Schauspieler geben kaum Dialoge, sondern deklamieren ihre Texte vielfach frontal ins Publikum: die Bühne als moralische Anstalt. Eine saufende Studentenhorde, die stark an schlagende Verbindungen erinnert, mutiert wie selbstverständlich zur terroristischen (Räuber-)Bande. Die Brüder Franz und Karl sind in dieser Interpretation gleichermaßen un- und sympathisch. Folgerichtig liefert sich Räuberhauptmann Karl Moor auch nicht zum Schluss der Justiz aus, sondern opfert lediglich seine Geliebte der Bande: "Ich habe Euch einen Engel geschlachtet."


RACHE PUR für ihr unerfülltes Leben leitet die Brüder Moor in Heilbronn. Die Inszenierung erinnert an Filme: Obelix und Asterix mit Felsen balancierend, die Robin-Hood-Persiflage "Helden in Strumpfhosen" steht Pate bei der Räuber-Kostümierung, die Racheengel aus "Dogma" geistern über die Bühne, und Hannibal Lecters Leichen aus dem "Schweigen der Lämmer" garnieren den Bühnenhimmel. Alles durchaus erlaubt und sinnvoll, um Schillers Räuber-Horror für heutige Zuschauer anschaulicher zu machen.


SCHAUSPIELER sind die Attraktion dieser Räuber-Inszenierung. Schauen, Lauschen, Staunen - das und noch viel mehr rufen die durchweg guten Leistungen der Akteure beim Zuschauer hervor. An der Spitze ein spielwütiger Franz Moor des Benjamin Hille.


echo am Sonntag, 30.02.2005