Kleists "Der zerbrochne Krug"
Der nackte Dorfrichter
von der Baustelle
Von Jürgen Dieter Ueckert
ADAM, der kahlköpfige und
klumpfüßige Richter in Heinrich von Kleists "Der zerbrochne Krug", hat
sein Dorf im Griff. Er spricht Recht, so wie es halt sein Bauernvolk
versteht. Vom Gesetz ist dabei selten die Rede. Bis ein Krug zerschlagen
wird - und am darauf folgenden Tage deshalb geklagt wird. Gleichzeitig
wird das Dorfgericht durch den Gerichtsrat Walter überprüft. Schicksal
eben, bei dem Gerechtigkeit amokartig ihren Irrlauf nimmt.
DER SCHULDIGE, der
Krug-Zertrümmerer Adam, muss als Dorfrichter plötzlich über sich selbst
zu Gericht sitzen. Damit würde der saftige und schmuddlige Genießer und
Lügner lässig fertig, säße nicht sein gestrenger Prüfer mit im Raum. Und
so entzündet der Gerichtsrat Walter unfreiwillig ein Feuerwerk von
Sätzen wie Arien, von Missverständnissen, Verstrickungen und
Verleumdungen - eben die deutsche Komödie: Kleists "Zerbrochner Krug".
KOMÖDIEN aber wird aus Tradition
in Deutschland nicht über den Weg getraut. Schon im 18. Jahrhundert
wurden Spaßmacher auf deutschen Bühnen heftigst bekämpft. Die
Arlecchinos der Commedia und schlüpfrigen Spaßmacher der welschen Bühnen
- nein, das passte nicht. Der Harlekin wurde mit ausländerfeindlichen
Traktaten auf die Bauernbühnen, Marktplätze und ins Puppentheater
verbannt. Dort, wo tumbes Volk und blöde Massen lauthals grölen und
prusten. Deutsch soll in erster Linie tragisch - und belehrend sein.
IN DIESER LINIE inszeniert
Hartmut Wickert auch seinen "Zerbrochenen Krug" im Heilbronner
Komödienhaus: kein geistreiches Feuerwerk kleist'scher Sprachkraft,
deren Schönheit glitzert wie der Schnee an einem kalten Januartag,
sondern eine triefsinnige Tragödie, mitreißend wie eine Geröll-Lawine
nach einem Unwetter. Gelegentlich blitzen darunter die Edelsteine
kleist'scher Komik auf - freudig beklatscht von den Premierenbesuchern.
ERWARTUNGEN hatten viele
Zuschauer schon. So wollte Eva Maria Kenngott "einfach das Stück von
Kleist sehen" - und Matthias Treiber, Pfarrer aus Heilbronn-Sontheim,
"neben der Komödie auch etwas Moral mit nach Hause nehmen".
Theater-Tradition ist in Deutschland, dass der Krug ohne Pause gespielt
wird. Goethe hatte bei der Uraufführung 1808 in Weimar den Einakter in
drei Akte aufgeteilt.
FÜR DEN MISSERFOLG machte Kleist
dann den Olympier verantwortlich. Heute wissen wir, dass Kleists
langweiliger 458 Verse langer Schluss Schuld war. In der Druckfassung
war die Langeweile dann gestrichen. Seitdem gilt: Eine Krug-Pause
langweilt. In Heilbronn mutiert der „Der zerbrochne Krug“ zum „Der
zerbrochene Krug“ – und lässt das Versmaß ordentlich ins Stolpern
geraten. Und die höchst überflüssige Pause wurde noch obendrauf gesetzt.
DER NACKTE ADAM zu Beginn des
Stücks in der Heilbronner Inszenierung war für Gisela Käfer "vielleicht
doch zu heftig". Zum Rock hätte der Schwerenöter sich schon eine Hose
anziehen können, meint die Heilbronner CDU-Stadträtin. Tochter Lotte
Käfer fand Stück und Inszenierung gut, "weil ich seit langem mal wieder
im Heilbronner Theater lachen konnte". Jutta Determann-Scharfy erlebte
einen "amüsanten Abend", störte sich jedoch auch an der Nacktheit: "Das
passt nicht und war nicht notwendig." Branko Mlakar fühlte sich von der
"Krug"-Inszenierung "gut unterhalten". Gabriele Langohr aus Flein
überzeugten die schauspielerischen Leistungen in einer "eigenwilligen
Inszenierung". Für Dr. Joachim Hennze ist "der Krug die beste
Inszenierung in dieser Saison". Und Eva Kraus hat das Kleist-Stück zum
ersten Mal gesehen und "herzhaft gelacht". Dorothea Braun-Ribbat,
Heilbronner VHS-Direktorin, gefiel die Inszenierung "zunehmend - eine
Komödie im guten Sinne". Sylvia Mulfinger störte, dass die Kleider der
Schauspieler so schmutzig aussahen als kämen sie geradewegs von einer
Baustelle.
DREIMAL KLEIST in Heilbronn. Das
Käthchen und der Prinz von Homburg unter dem Intendanten Klaus Wagner.
Damals wurde die kunstvolle Sprache des Dichters reichlich vernuschelt
und plattgewalzt. Im Komödienhaus-Krug dagegen wird Kleist jetzt
akustisch verständlich über die Rampe gebracht. Ohnehin - das Niveau der
Schauspielkunst unter Intendant Martin Roeder-Zerndt hat sich erheblich
gesteigert. So spielt Philipp von Mirbach seinen Gerichtsrat Walter
bestimmt, aber leise und vernünftig, fast bettelnd um die Einsicht ins
Unvermeidbare und Vernünftige.
EIN SCHAUSPIELER, der sich mit
seiner Interpretation behutsam zum Mittelpunkt der Inszenierung
hervorarbeitet. Anleihen bei Roman Polanskis "Tanz der Vampire" sind
unübersehbar in Bühnenbild und Figuren - sowie in der wabernden
Hintergrundmusik ständig hörbar. So bot Felix Würgler eine köstliche
Karikatur des Bauern Veit Tümpel, die stark an eine Figur im
winterlichen Polanski-Film erinnert. Den Schreiber Licht dagegen
konstruierte die Regie zu einem Roland-Freisler-Verschnitt um, aus dem
Benjamin Hille variationsreich das bemitleidenswerte Abziehbild eines
gehemmt-verklemmt besserwisserischen Klassenprimus herausarbeitete, der
vom Dorfvolk kaum beachtet durch sein jämmerliches Sein stakst. Ein
Sein, in dem Leben nur als beschriebenes Papier nacherlebbar ist.
Einbindbar in die Logik des Kleist-Dramas sind diese Solitär-Gestalten -
Licht und Tümpel - als reine Demonstrativ-Figuren jedoch kaum. Bloße
Kopfgeburten eines reichlich willkürlich interpretierenden
Regietheaters.
NACKT KRIECHT der Dorfrichter
Adam in dieser Inszenierung zu Beginn aus einem Hühnerstall und
präsentiert zum stillen Erschrecken des Publikums seinen aufgedunsenen
Wanst. Mario Gremlich ist weniger ein Beherrscher des Dorfgeschehens als
vielmehr eine Rummelplatzfigur, dessen Rollen-Interpretation kaum
erklären kann, warum er bisher in der Huisum-Dorfgemeinschaft anerkannt
und machtvoll gelebt haben soll. Die Frauenfiguren dieser Inszenierung
bleiben seltsam blass, spielen für sich und weniger mit anderen,
introvertiert – nahezu autistisch. Ein Dorf voller psychisch defekter
Menschen mit heftigen Kontaktproblemen? Bei Kleist nicht zu finden.
RUND 51 SITZE der ersten drei
Reihen sind wegen des in den Zuschauerraum hineinreichenden
Gerichtssaals nicht besetzbar. Damit reduziert sich die Sitzanzahl im
Komödienhaus in dieser Inszenierung von 323 auf 272 Plätze. Ein schönes
Spiel mit der Quote bei der Platzausnutzung dieser Inszenierung. Sei’s
drum. Die Ausstattung der Bühne ist kaum versteh- und erklärbar: Mit
Hühnerkäfig als Adam-Schlafstätte, Bierbänken, rieselndem Schnee im
Hintergrund und vom Straßenkot beschmutzten Kleidern der Akteure im
eisigen Januar - sowie Gerichtssaal mitten im Zuschauerraum . Ebenso
wenig einsichtig wie die Einführung des Schreibers Licht, der bei seinem
Erscheinen „Licht“ schreit – worauf die Bühne sofort gleißend hell
wird. Wortwitz ist gut, wenn er passt. Ein Gag allein um des Gags willen
- nur nervend.
IN DIESEM VERSTÄNDNIS des
kleist’schen Krugs liegt auch der Ringkampf des Dorfrichters Adam mit
Eve zum Tragödienende. Eve, die von Beginn an um die Missetaten des
Dorfrichters weiß und letztlich alles aufdeckt, ist eine der typischen
Kleist-Frauen, die immer den richtigen Weg gehen, traumwandlerisch –
siehe „Das Käthchen von Heilbronn“. Adam obsiegt bei seiner Art der
leiblichen Auseinandersetzung, nicht jedoch bei der geistigen, und
bricht danach alle Brücken – im augenscheinlichen Sinne – zur für ihn
nie mehr erreichbaren leiblichen Traumfrau Eve ab. Der Macho ist
zutiefst gekränkt. Die Frau als Mensch und geistiges Wesen wollte er
nicht. Erschreckt stehen alle Beteiligten zum Schluss vor einem
emotionalen Scherbenhaufen, der durch eine Gerichtsverhandlung
angerichtet worden ist, bei der Worte wie unter der Folter hervorbrechen
– und vor den Scherben eines zerbrochnen Krugs, dem noch keine
Gerechtigkeit widerfahren ist. Vom fehlbaren Menschen, der – wie bei
Kleist - auf Gnade angewiesen ist, keine Spur.
IN DIESER INSZENIERUNG ist die
Eve keine kleist’sche Frauenfigur, die in der „Sicherheit des Gefühls“
lebt. Auch Gerichtsrat Walter ist keiner der kleist’schen
„Gnadenbringer“ wie der Kurfürst im Homburg. Die hauchzarte Technik der
kleist’schen Sprache wird mit schweren Regie-Vorschlaghämmern
bearbeitet, sodass es nur so dröhnt und kracht im dramatischen Gebälk.
Dieser Heilbronner Krug ist auch keine bäuerliche Parodie des Ödipus,
sondern hier würgen Dorfbewohner ihre seelischen Befindlichkeiten, von
der Regie als Krankheiten diagnostiziert, mittels Schauspielerei in den
Zuschauerraum – und es wird dem Publikum ein Psychodrama voller Jammer,
Dreck und Hohn zum Fraß hingeworfen. Da drängt sich die Frage auf, ob
hier nicht ein recht selbstgefälliger Regisseur meint, sein Mütchen am
Klassiker kühlen zu müssen - um so den Provinzlern ihre biedere
Erwartungshaltung vom Kleist’schen Krug mit seiner Interpretation zurück
in den Schlund spießigen Desinteresses und Unwissenheit zu stopfen.
DIE
HEILBRONNER KRUG-INSZENIERUNG dauert mit Pause weit über zwei Stunden;
der Film aus dem Jahre 1937 mit Emil Jannings als Dorfrichter nur 80
Minuten - auf VHS und DVD erhältlich.
10. Dezember 2005
echo·Splitter zur Premiere von
Heinrich von Kleist "Der zerbrochne Krug"
am Heilbronner Stadttheater - Komödienhaus
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