Samstag, 29. März 2014

Stadttheater Heilbronn - Kleist-Inszenierung des Regisseur Hartmut Wickert (2005)

Kleists "Der zerbrochne Krug"

Der nackte Dorfrichter
von der Baustelle 

Von Jürgen Dieter Ueckert

ADAM, der kahlköpfige und klumpfüßige Richter in Heinrich von Kleists "Der zerbrochne Krug", hat sein Dorf im Griff. Er spricht Recht, so wie es halt sein Bauernvolk versteht. Vom Gesetz ist dabei selten die Rede. Bis ein Krug zerschlagen wird - und am darauf folgenden Tage deshalb geklagt wird. Gleichzeitig wird das Dorfgericht durch den Gerichtsrat Walter überprüft. Schicksal eben, bei dem Gerechtigkeit amokartig ihren Irrlauf nimmt.

DER SCHULDIGE, der Krug-Zertrümmerer Adam, muss als Dorfrichter plötzlich über sich selbst zu Gericht sitzen. Damit würde der saftige und schmuddlige Genießer und Lügner lässig fertig, säße nicht sein gestrenger Prüfer mit im Raum. Und so entzündet der Gerichtsrat Walter unfreiwillig ein Feuerwerk von Sätzen wie Arien, von Missverständnissen, Verstrickungen und Verleumdungen - eben die deutsche Komödie: Kleists "Zerbrochner Krug".

KOMÖDIEN aber wird aus Tradition in Deutschland nicht über den Weg getraut. Schon im 18. Jahrhundert wurden Spaßmacher auf deutschen Bühnen heftigst bekämpft. Die Arlecchinos der Commedia und schlüpfrigen Spaßmacher der welschen Bühnen - nein, das passte nicht. Der Harlekin wurde mit ausländerfeindlichen Traktaten auf die Bauernbühnen, Marktplätze und ins Puppentheater verbannt. Dort, wo tumbes Volk und blöde Massen lauthals grölen und prusten. Deutsch soll in erster Linie tragisch - und belehrend sein.

IN DIESER LINIE inszeniert Hartmut Wickert auch seinen "Zerbrochenen Krug" im Heilbronner Komödienhaus: kein geistreiches Feuerwerk kleist'scher Sprachkraft, deren Schönheit glitzert wie der Schnee an einem kalten Januartag, sondern eine triefsinnige Tragödie, mitreißend wie eine Geröll-Lawine nach einem Unwetter. Gelegentlich blitzen darunter die Edelsteine kleist'scher Komik auf - freudig beklatscht von den Premierenbesuchern.

ERWARTUNGEN hatten viele Zuschauer schon. So wollte Eva Maria Kenngott "einfach das Stück von Kleist sehen" - und Matthias Treiber, Pfarrer aus Heilbronn-Sontheim, "neben der Komödie auch etwas Moral mit nach Hause nehmen". Theater-Tradition ist in Deutschland, dass der Krug ohne Pause gespielt wird. Goethe hatte bei der Uraufführung 1808 in Weimar den Einakter in drei Akte aufgeteilt.

FÜR DEN MISSERFOLG machte Kleist dann den Olympier verantwortlich. Heute wissen wir, dass Kleists langweiliger 458 Verse langer Schluss Schuld war. In der Druckfassung war die Langeweile dann gestrichen. Seitdem gilt: Eine Krug-Pause langweilt. In Heilbronn mutiert der „Der zerbrochne Krug“ zum „Der zerbrochene Krug“ – und lässt das Versmaß ordentlich ins Stolpern geraten. Und die höchst überflüssige Pause wurde noch obendrauf gesetzt.

DER NACKTE ADAM zu Beginn des Stücks in der Heilbronner Inszenierung war für Gisela Käfer "vielleicht doch zu heftig". Zum Rock hätte der Schwerenöter sich schon eine Hose anziehen können, meint die Heilbronner CDU-Stadträtin. Tochter Lotte Käfer fand Stück und Inszenierung gut, "weil ich seit langem mal wieder im Heilbronner Theater lachen konnte". Jutta Determann-Scharfy erlebte einen "amüsanten Abend", störte sich jedoch auch an der Nacktheit: "Das passt nicht und war nicht notwendig." Branko Mlakar fühlte sich von der "Krug"-Inszenierung "gut unterhalten". Gabriele Langohr aus Flein überzeugten die schauspielerischen Leistungen in einer "eigenwilligen Inszenierung". Für Dr. Joachim Hennze ist "der Krug die beste Inszenierung in dieser Saison". Und Eva Kraus hat das Kleist-Stück zum ersten Mal gesehen und "herzhaft gelacht". Dorothea Braun-Ribbat, Heilbronner VHS-Direktorin, gefiel die Inszenierung "zunehmend - eine Komödie im guten Sinne". Sylvia Mulfinger störte, dass die Kleider der Schauspieler so schmutzig aussahen als kämen sie geradewegs von einer Baustelle.

DREIMAL KLEIST in Heilbronn. Das Käthchen und der Prinz von Homburg unter dem Intendanten Klaus Wagner. Damals wurde die kunstvolle Sprache des Dichters reichlich vernuschelt und plattgewalzt. Im Komödienhaus-Krug dagegen wird Kleist jetzt akustisch verständlich über die Rampe gebracht. Ohnehin - das Niveau der Schauspielkunst unter Intendant Martin Roeder-Zerndt hat sich erheblich gesteigert. So spielt Philipp von Mirbach seinen Gerichtsrat Walter bestimmt, aber leise und vernünftig, fast bettelnd um die Einsicht ins Unvermeidbare und Vernünftige.

EIN SCHAUSPIELER, der sich mit seiner Interpretation behutsam zum Mittelpunkt der Inszenierung hervorarbeitet. Anleihen bei Roman Polanskis "Tanz der Vampire" sind unübersehbar in Bühnenbild und Figuren - sowie in der wabernden Hintergrundmusik ständig hörbar. So bot Felix Würgler eine köstliche Karikatur des Bauern Veit Tümpel, die stark an eine Figur im winterlichen Polanski-Film erinnert. Den Schreiber Licht dagegen konstruierte die Regie zu einem Roland-Freisler-Verschnitt um, aus dem Benjamin Hille variationsreich das bemitleidenswerte Abziehbild eines gehemmt-verklemmt besserwisserischen Klassenprimus herausarbeitete, der vom Dorfvolk kaum beachtet durch sein jämmerliches Sein stakst. Ein Sein, in dem Leben nur als beschriebenes Papier nacherlebbar ist. Einbindbar in die Logik des Kleist-Dramas sind diese Solitär-Gestalten - Licht und Tümpel - als reine Demonstrativ-Figuren jedoch kaum. Bloße Kopfgeburten eines reichlich willkürlich interpretierenden Regietheaters.

NACKT KRIECHT der Dorfrichter Adam in dieser Inszenierung zu Beginn aus einem Hühnerstall und präsentiert zum stillen Erschrecken des Publikums seinen aufgedunsenen Wanst. Mario Gremlich ist weniger ein Beherrscher des Dorfgeschehens als vielmehr eine Rummelplatzfigur, dessen Rollen-Interpretation kaum erklären kann, warum er bisher in der Huisum-Dorfgemeinschaft anerkannt und machtvoll gelebt haben soll. Die Frauenfiguren dieser Inszenierung bleiben seltsam blass, spielen für sich und weniger mit anderen, introvertiert – nahezu autistisch. Ein Dorf voller psychisch defekter Menschen mit heftigen Kontaktproblemen? Bei Kleist nicht zu finden.

RUND 51 SITZE der ersten drei Reihen sind wegen des in den Zuschauerraum hineinreichenden Gerichtssaals nicht besetzbar. Damit reduziert sich die Sitzanzahl im Komödienhaus in dieser Inszenierung von 323 auf 272 Plätze. Ein schönes Spiel mit der Quote bei der Platzausnutzung dieser Inszenierung. Sei’s drum. Die Ausstattung der Bühne ist kaum versteh- und erklärbar: Mit Hühnerkäfig als Adam-Schlafstätte, Bierbänken, rieselndem Schnee im Hintergrund und vom Straßenkot beschmutzten Kleidern der Akteure im eisigen Januar - sowie Gerichtssaal mitten im Zuschauerraum . Ebenso wenig einsichtig wie die Einführung des Schreibers Licht, der bei seinem Erscheinen „Licht“ schreit – worauf die Bühne sofort gleißend hell wird. Wortwitz ist gut, wenn er passt. Ein Gag allein um des Gags willen - nur nervend.

IN DIESEM VERSTÄNDNIS des kleist’schen Krugs liegt auch der Ringkampf des Dorfrichters Adam mit Eve zum Tragödienende. Eve, die von Beginn an um die Missetaten des Dorfrichters weiß und letztlich alles aufdeckt, ist eine der typischen Kleist-Frauen, die immer den richtigen Weg gehen, traumwandlerisch – siehe „Das Käthchen von Heilbronn“. Adam obsiegt bei seiner Art der leiblichen Auseinandersetzung, nicht jedoch bei der geistigen, und bricht danach alle Brücken – im augenscheinlichen Sinne – zur für ihn nie mehr erreichbaren leiblichen Traumfrau Eve ab. Der Macho ist zutiefst gekränkt. Die Frau als Mensch und geistiges Wesen wollte er nicht. Erschreckt stehen alle Beteiligten zum Schluss vor einem emotionalen Scherbenhaufen, der durch eine Gerichtsverhandlung angerichtet worden ist, bei der Worte wie unter der Folter hervorbrechen – und vor den Scherben eines zerbrochnen Krugs, dem noch keine Gerechtigkeit widerfahren ist. Vom fehlbaren Menschen, der – wie bei Kleist - auf Gnade angewiesen ist, keine Spur.

IN DIESER INSZENIERUNG ist die Eve keine kleist’sche Frauenfigur, die in der „Sicherheit des Gefühls“ lebt. Auch Gerichtsrat Walter ist keiner der kleist’schen „Gnadenbringer“ wie der Kurfürst im Homburg. Die hauchzarte Technik der kleist’schen Sprache wird mit schweren Regie-Vorschlaghämmern bearbeitet, sodass es nur so dröhnt und kracht im dramatischen Gebälk. Dieser Heilbronner Krug ist auch keine bäuerliche Parodie des Ödipus, sondern hier würgen Dorfbewohner ihre seelischen Befindlichkeiten, von der Regie als Krankheiten diagnostiziert, mittels Schauspielerei in den Zuschauerraum – und es wird dem Publikum ein Psychodrama voller Jammer, Dreck und Hohn zum Fraß hingeworfen. Da drängt sich die Frage auf, ob hier nicht ein recht selbstgefälliger Regisseur meint, sein Mütchen am Klassiker kühlen zu müssen - um so den Provinzlern ihre biedere Erwartungshaltung vom Kleist’schen Krug mit seiner Interpretation zurück in den Schlund spießigen Desinteresses und Unwissenheit zu stopfen.

DIE HEILBRONNER KRUG-INSZENIERUNG dauert mit Pause weit über zwei Stunden; der Film aus dem Jahre 1937 mit Emil Jannings als Dorfrichter nur 80 Minuten - auf VHS und DVD erhältlich.


10. Dezember 2005
echo·Splitter zur Premiere von
Heinrich von Kleist "Der zerbrochne Krug"
am Heilbronner Stadttheater - Komödienhaus

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