Im Kühlraum
der Alten Kelter bietet Klaus Wagner Musical
Anatevka für die Theater-Ja-Sager
Von Jürgen Dieter Ueckert
Heilbronns neuer Intendant Klaus
Wagner buhlt um die Gunst seines Publikums. Um die Gunst der Stadtväter, der
Geldgeber für das Theater, braucht er nicht mehr zu buhlen: die hat er. Sein bester
Kommentator ist Klaus Wagner selbst, wenn er in der zweiten Nummer seines Theater-Werbeblattes schreibt
„Der eine zeigt, daß er zu seinem
Theater ja sagt, indem er für sein Nötiges sorgt; der andere indem er es
besucht. Erst die, die Zuspruch, Betreuung und Teilhabe aufbringen für das
nicht absolut Nötige, beheimaten ein Theater in einer Stadt.“
Und jene, die kritisch-distanziert dazu
stehen: Sind sie das die Heimatlosen? - Stichwort für die neue Aera in
Heilbronn: „Vernachlässigtes Aufarbeiten ist nötig in dieser Stadt.“ So
verkündet das Theater - und organisiert einen Theatermarkt zu Beginn der
Spielzeit mit den üblichen Nummern zum Werben der Abonnenten und einem Bonbon,
einer Travestie-Nummer, einer Mireille-Matthieu-Parodie, die das Publikum zu Schrei-
und Klatsch-Paraden verführt.
Das erste Stück der neuen Spielzeit
1980/81 bringt genau das gleiche Ergebnis: Heilbronns Theaterbesucher geben
sich der neuen Lust, dieses Theater zu sehen und zu hören, voll hin. In dem
vorläufig neuen Haus, der zweiten Spielstätte des Theaters - im ehemaligen Kühlraum
der Alten Kelter Heilbronns - zeigt der Intendant seine Regiekunst, stellt
sich das neue Ensemble vor: mit dem Musical „Anatevka“, dem Renner, der kaum
mehr auf deutschen Bühnen läuft, dafür aber umso besser in Heilbronn seinen Weg
gehen wird.
Die Zuschauer sitzen auf vier Tribünen
verteilt im Raum. Eine Arena-Bühne in einer schmalen Spielfläche bietet den
Ort des Geschehens. Dreieinhalb Stunden läuft eine Geschichte ab, die an die
lässig, gekonnt hingeworfenen Hollywood- oder Broadway-Stücke erinnert, in
Heilbronn sich aber selten aus der deutschen Starre lösen kann. Musical ist
eben nicht nur ein Singspiel, zum Musical gehören Tanz, Chor und ein Rhythmus,
der das Tempo beschleunigt oder verlangsamt. Hier haperte es: die Inszenierung
lief oft breiig dahin, quoll auf und sackte wie ein Hefeteig in sich zusammen.
Die Story des Milchmanns Tevje aus
Anatevka, der drei seiner fünf Töchter mehr unfreiwillig unter die Haube
bekommt, ist nur dürftiges Gerüst, plakativ: di® eine will den reichen
Fleischer nicht und bekommt dank der Tricks mit der jüdischen Tradition den
armen Schneider; die zweite will den jungen Anarchisten aus der Stadt, der
Tevjes Töchter in revolutionäre Ansichten einweiht und folgt ihm nach Sibirien
in die Verbannung; und die dritte kriegt ihren Russen und wird vom Vater
verstoßen.
In den Sprechszenen dieses Stücks
wird oft nachlässig über Angelpunkte hinweggehuscht, wird auf die Lach- und
Tränendrüsen gedrückt, wird ein Theater geboten, das die Fähigkeit des
Regisseurs aufzeigt, Emotionen hochzupeitschen, raffiniert auf allzu Bekanntes
loszugehen, um es schmackhaft zu machen - kurz: dem Affen Zucker zu geben. Das
scheint auch der neue Stil des Heilbronner Theaters zu werden: lustvoll in bekannten
Szenen baden, was allerdings auf den Brettern in dieser Stadt bisher nicht gezeigt
wurde. Beispiel: ein Brunnen wurde auf die Spielfläche getragen, Wasser schoß
aus dem Rohr, wenn man pumpte. Das Heilbronner Premieren-Publikum klatschte
begeistert.
Dazu gab es Gegensätze: Karl Straub
als Milchmann Tevje sang und spielt den verschreckt linkischen Mann, nicht den
knitzen Draufgänger, spielte die Angst des Juden vor den Russen, die immer in
freundlicher Untertänigkeit vorhanden ist. Dieser Tevje erreichte in seiner
Versponnenheit die anderen kaum, lebte an ihnen vorbei. Was hier ein Stilmittel
war, schien in den vielen kleinen Szenen oft zur Unfähigkeit auszuarten:
Schauspieler spielten nicht miteinander, hörten kaum aufeinander, sondern
spielten nebeneinander her. Der Grund für ein solches Durchhängen dar Inszenierung
könnte darin liegen, daß bei der Arena-Bühne drei Seiten vom Publikum besetzt
sind, in Klaus Wagners Anatevka-lnszenierung aber fast ausschließlich „Guckkasten“
gespielt wurde. Man zeigte sich zu einer Rampe hin, die nicht vorhanden war.
Aber es gab auch Lichtblicke: zum
Beispiel die Hochzeitsszene, in der die Gäste sich lustvoll streiten, versöhnen,
wiederum streiten. Kippt das Stück um in die Tragik der Bewohner Anatevkas,
werden sie vertrieben, dann zeigt sich lediglich eine oberflächliche Folklore:
man sagt sich auf der Bühne: naja, es war ja immer so mit uns Juden, die
Heiratsvermittlerin träumt vom gleichen Job in Jerusalem. Hier fehlen dann die
Gegensätze von Sprechen und Fühlen. So lustig war es kaum bei den orthodoxen
Juden in Rußland.
Lustig sein, ohne nachzuspüren, woher
die Lust dazu kommt. Das zeigt diese Inszenierung. Sie kann Brüche im
Lustigsein darob nicht begreiflich machen, kann kaum klarmachen, wann der Spaß
ins Grauen umkippt. So bleibt das Grauen oberflächliche Nebensache; dominant
ist der Theaterklamauk. Aber der ist kraftvoll so geboten, so naiv und dreist
ansteckend, die Musik engagiert mit dem kleinen Orchester gespielt, daß man
das zuckrige Bühnenbild vergessen kann, die Inszenierung als einen Höhepunkt
begreifen lernt, nach all den vielen Jahren Heilbronner Theaterarbeit, in
denen nicht nur der Bau provisorisch war, sondern auch die Herstellung von
Inszenierungen. Diese Zeiten sind jetzt vorbei. Klaus Wagner hat mit dieser
Auftakt-Arbeit die Schwierigkeiten des Weges aufgezeigt.
Premiere am Freitag, 19.
September 1980
Rhein-Neckar-Zeitung,
24. September 1980
Neckar-Express, 25.
September 1980
Süddeutscher Rundfunk, Freitag, 26. September 1980
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