Sonntag, 30. März 2014

Stadttheater Heilbronn - Anatevka-Inszenierung von Regisseur Klaus Wagner (1980)



Im Kühlraum der Alten Kelter bietet Klaus Wagner Musical

Anatevka für die Theater-Ja-Sager

Von Jürgen Dieter Ueckert

Heilbronns neuer Intendant Klaus Wagner buhlt um die Gunst seines Publikums. Um die Gunst der Stadtväter, der Geldgeber für das Theater, braucht er nicht mehr zu buhlen: die hat er. Sein bester Kommentator ist Klaus Wagner selbst, wenn er in der zweiten  Nummer seines Theater-Werbeblattes schreibt „Der eine  zeigt, daß er zu seinem Theater ja sagt, indem er für sein Nötiges sorgt; der andere indem er es besucht. Erst die, die Zuspruch, Betreuung und Teilhabe aufbringen für das nicht absolut Nötige, beheimaten ein Theater in einer Stadt.“

Und jene, die kritisch-distanziert dazu stehen: Sind sie das die Heimat­losen? - Stichwort für die neue Aera in Heilbronn: „Vernachlässigtes Aufarbeiten ist nötig in dieser Stadt.“ So verkündet das Theater - und organisiert einen Theatermarkt zu Beginn der Spielzeit mit den üblichen Nummern zum Werben der Abonnenten und einem Bonbon, einer Travestie-Nummer, einer Mireille-Matthieu-Parodie, die das Publikum zu Schrei- und Klatsch-Paraden verführt.

Das erste Stück der neuen Spiel­zeit 1980/81 bringt genau das glei­che Ergebnis: Heilbronns Theater­besucher geben sich der neuen Lust, dieses Theater zu sehen und zu hören, voll hin. In dem vorläufig neuen Haus, der zweiten Spielstätte des Theaters - im ehemaligen Kühl­raum der Alten Kelter Heilbronns - zeigt der Intendant seine Regie­kunst, stellt sich das neue Ense­mble vor: mit dem Musical „Anatevka“, dem Renner, der kaum mehr auf deutschen Bühnen läuft, dafür aber umso besser in Heilbronn seinen Weg gehen wird.

Die Zuschauer sitzen auf vier Tribünen verteilt im Raum. Eine Are­na-Bühne in einer schmalen Spiel­fläche bietet den Ort des Gesche­hens. Dreieinhalb Stunden läuft eine Geschichte ab, die an die lässig, gekonnt hingeworfenen Hollywood­- oder Broadway-Stücke erinnert, in Heilbronn sich aber selten aus der deutschen Starre lösen kann. Musi­cal ist eben nicht nur ein Singspiel, zum Musical gehören Tanz, Chor und ein Rhythmus, der das Tempo beschleunigt oder verlangsamt. Hier haperte es: die Inszenierung lief oft breiig dahin, quoll auf und sackte wie ein Hefeteig in sich zusammen.

Die Story des Milchmanns Tevje aus Anatevka, der drei seiner fünf Töchter mehr unfreiwillig unter die Haube bekommt, ist nur dürftiges Gerüst, plakativ: di® eine will den reichen Fleischer nicht und be­kommt dank der Tricks mit der jüdi­schen Tradition den armen Schnei­der; die zweite will den jungen Anar­chisten aus der Stadt, der Tevjes Töchter in revolutionäre Ansichten einweiht und folgt ihm nach Sibirien in die Verbannung; und die dritte kriegt ihren Russen und wird vom Vater verstoßen.

In den Sprechszenen dieses Stücks wird oft nachlässig über An­gelpunkte hinweggehuscht, wird auf die Lach- und Tränendrüsen ge­drückt, wird ein Theater geboten, das die Fähigkeit des Regisseurs aufzeigt, Emotionen hochzupeit­schen, raffiniert auf allzu Bekanntes loszugehen, um es schmackhaft zu machen - kurz: dem Affen Zucker zu geben. Das scheint auch der neue Stil des Heilbronner Theaters zu werden: lustvoll in bekannten Szenen baden, was allerdings auf den Bret­tern in dieser Stadt bisher nicht ge­zeigt wurde. Beispiel: ein Brunnen wurde auf die Spielfläche getragen, Wasser schoß aus dem Rohr, wenn man pumpte. Das Heilbronner Premieren-Publikum klatschte begei­stert.

Dazu gab es Gegensätze: Karl Straub als Milchmann Tevje sang und spielt den verschreckt linkischen Mann, nicht den knitzen Draufgänger, spielte die Angst des Juden vor den Russen, die immer in freundlicher Untertänigkeit vorhan­den ist. Dieser Tevje erreichte in seiner Versponnenheit die anderen kaum, lebte an ihnen vorbei. Was hier ein Stilmittel war, schien in den vielen kleinen Szenen oft zur Unfä­higkeit auszuarten: Schauspieler spielten nicht miteinander, hörten kaum aufeinander, sondern spielten nebeneinander her. Der Grund für ein solches Durchhängen dar Insze­nierung könnte darin liegen, daß bei der Arena-Bühne drei Seiten vom Publikum besetzt sind, in Klaus Wagners Anatevka-lnszenierung aber fast ausschließlich „Guckka­sten“ gespielt wurde. Man zeigte sich zu einer Rampe hin, die nicht vorhanden war.

Aber es gab auch Lichtblicke: zum Beispiel die Hochzeitsszene, in der die Gäste sich lustvoll streiten, ver­söhnen, wiederum streiten. Kippt das Stück um in die Tragik der Bewohner Anatevkas, werden sie vertrieben, dann zeigt sich lediglich eine oberflächliche Folklore: man sagt sich auf der Bühne: naja, es war ja immer so mit uns Juden, die Heiratsvermittlerin träumt vom gleichen Job in Jerusalem. Hier feh­len dann die Gegensätze von Spre­chen und Fühlen. So lustig war es kaum bei den orthodoxen Juden in Rußland.

Lustig sein, ohne nachzuspüren, woher die Lust dazu kommt. Das zeigt diese Inszenierung. Sie kann Brüche im Lustigsein darob nicht begreiflich machen, kann kaum klar­machen, wann der Spaß ins Grauen umkippt. So bleibt das Grauen ober­flächliche Nebensache; dominant ist der Theaterklamauk. Aber der ist kraftvoll so geboten, so naiv und dreist ansteckend, die Musik enga­giert mit dem kleinen Orchester ge­spielt, daß man das zuckrige Büh­nenbild vergessen kann, die Insze­nierung als einen Höhepunkt begrei­fen lernt, nach all den vielen Jahren Heilbronner Theaterarbeit, in denen nicht nur der Bau provisorisch war, sondern auch die Herstellung von Inszenierungen. Diese Zeiten sind jetzt vorbei. Klaus Wagner hat mit dieser Auftakt-Arbeit die Schwierig­keiten des Weges aufgezeigt.

Premiere am Freitag, 19. September 1980
Rhein-Neckar-Zeitung, 24. September 1980
Neckar-Express, 25. September 1980
Süddeutscher Rundfunk, Freitag, 26. September 1980

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