Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden"
Wenn die Lebenslüge zum Schicksal wird
Von Jürgen Dieter Ueckert
HEFTIGER
BEIFALL im Heilbronner Stadttheater nach der Premiere von Arthur
Millers "Der Tod eines Handlungsreisenden". Das Klatschen der Zuschauer
war in seiner fast schmerzhaften Härte von großer Dankbarkeit und
Rührung durchtränkt. Waren vor der Pause noch Husten-Kaskaden durch die
Zuschauerreihen gelaufen, einige Besucher hörbar eingenickt und nach der
Pause durch Wegbleiben von Zuschauern einige Sitze leer geblieben, so
peitschten die Emotionen im zweiten Teil des "Requiems in zwei Akten"
zum Mitleiden. Gefeiert wurde ein gutes Theaterstück und die Leistungen
der Schauspieler.
DIE LEBENSLÜGE ist Thema des Stücks.
Da träumt einer vom Glück, von den Chancen, die ein Fleißiger in einer
freien Gesellschaft hat - und denkt, dass er kurz vor der Erfüllung
seines Traums steht; aber die Realität offenbart das genaue Gegenteil.
Willy Loman, der Vertreter, hat mit seinem unbedingten Glauben an sein
Glück die Götter versucht. Nach protestantisch-angelsächsischem Credo
ist jener von Gott gesegnet, dessen Reichtum für die Menschen sichtbar
wird. Er muss dann nur noch diese Segnungen zur Ehre Gottes nutzen. Aber
der Reisende Loman kapiert nicht, dass Gott ihn nie beachtet hatte. Als
er das einsieht, begeht er Selbstmord, damit seine Familie wenigstens
die 20.000-Dollar-Versicherung kassieren kann. An Lomans Grab heißt es:
"Ein Handlungsreisender muss träumen. Das gehört zu seinem Beruf." Wenn
der Traum jedoch keine Verbindung mehr zur Realität hat, dann stürzt der
Träumer wie Ikarus ab - in den Tod. Arthur Miller wusste um das
"sentimentale Pathos" seines Stücks.
DER INSZENIERUNG
am Theater Heilbronn gelang es bei allem Willen nicht, dieses Pathos zu
zerstören. Regisseur Andreas Nathusius wollte die Ibsen'sche Lebenslüge
durch Kommunikationsunfähigkeit der handelnden Personen erklären. Diese
Absicht blieb im Dickicht der Gefühle des Textes stecken. Gerade weil
die Personen von den Gefühlen her intensiv, aber unvernünftig,
kommunizieren, scheitern sie. Bei Nathusius verkommen sie zu
Dialog-Freaks, kontaktieren kaum, sind wohlbekannte Krüppel der
grauenhaften Moderne. Das hatte aber Miller nicht gemeint. Er beschrieb
den verblendeten Menschen, der wegen seiner Selbstgefälligkeit mit dem
Tod bestraft wird - wie in antiken Stücken.
EIN RENNER
soll das 1949 uraufgeführte Stück in dieser Spielzeit am Theater
Heilbronn werden. Wie in der letzten die Nathusius-Inszenierung von
Schillers "Räuber". Der Klassiker kann durch Regieeinfälle und die
Handlung konterkarierende Bühnenbildeinfälle aber kaum gebrochen werden,
ist er doch seit jeher ein Selbstläufer - wie im Kino die
"Blockbuster". Dass Millers "Handlungsreisendem" kaum erklär- und
begreifbare Bühnendekoration (Philipp Kiefer) und Regieeinfälle aus der
Schauspielschule wenig anhaben können, bewies die Reaktion der
Heilbronner Zuschauer. Ihnen war es auch wurscht - wie schon bei den
"Räubern" - dass der Schluss nicht wie vom Autor niedergeschrieben
serviert wurde. Die "erbarmungslose Härte des Existenzkampfes" in diesem
Stück, und deren Parallelen zu heute, lassen mitleiden und rühren zu
Tränen. Und das schon seit mehr als einem halben Jahrhundert.
echo am Sonntag
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