Samstag, 29. März 2014

Stadtheater Heilbronn - Miller-Inszenierung des Regisseurs Andreas Nathusius (2005)

Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden"

Wenn die Lebenslüge zum Schicksal wird

Von Jürgen Dieter Ueckert

HEFTIGER BEIFALL im Heilbronner Stadttheater nach der Premiere von Arthur Millers "Der Tod eines Handlungsreisenden". Das Klatschen der Zuschauer war in seiner fast schmerzhaften Härte von großer Dankbarkeit und Rührung durchtränkt. Waren vor der Pause noch Husten-Kaskaden durch die Zuschauerreihen gelaufen, einige Besucher hörbar eingenickt und nach der Pause durch Wegbleiben von Zuschauern einige Sitze leer geblieben, so peitschten die Emotionen im zweiten Teil des "Requiems in zwei Akten" zum Mitleiden. Gefeiert wurde ein gutes Theaterstück und die Leistungen der Schauspieler.

DIE LEBENSLÜGE ist Thema des Stücks. Da träumt einer vom Glück, von den Chancen, die ein Fleißiger in einer freien Gesellschaft hat - und denkt, dass er kurz vor der Erfüllung seines Traums steht; aber die Realität offenbart das genaue Gegenteil. Willy Loman, der Vertreter, hat mit seinem unbedingten Glauben an sein Glück die Götter versucht. Nach protestantisch-angelsächsischem Credo ist jener von Gott gesegnet, dessen Reichtum für die Menschen sichtbar wird. Er muss dann nur noch diese Segnungen zur Ehre Gottes nutzen. Aber der Reisende Loman kapiert nicht, dass Gott ihn nie beachtet hatte. Als er das einsieht, begeht er Selbstmord, damit seine Familie wenigstens die 20.000-Dollar-Versicherung kassieren kann. An Lomans Grab heißt es: "Ein Handlungsreisender muss träumen. Das gehört zu seinem Beruf." Wenn der Traum jedoch keine Verbindung mehr zur Realität hat, dann stürzt der Träumer wie Ikarus ab - in den Tod. Arthur Miller wusste um das "sentimentale Pathos" seines Stücks.

DER INSZENIERUNG am Theater Heilbronn gelang es bei allem Willen nicht, dieses Pathos zu zerstören. Regisseur Andreas Nathusius wollte die Ibsen'sche Lebenslüge durch Kommunikationsunfähigkeit der handelnden Personen erklären. Diese Absicht blieb im Dickicht der Gefühle des Textes stecken. Gerade weil die Personen von den Gefühlen her intensiv, aber unvernünftig, kommunizieren, scheitern sie. Bei Nathusius verkommen sie zu Dialog-Freaks, kontaktieren kaum, sind wohlbekannte Krüppel der grauenhaften Moderne. Das hatte aber Miller nicht gemeint. Er beschrieb den verblendeten Menschen, der wegen seiner Selbstgefälligkeit mit dem Tod bestraft wird - wie in antiken Stücken.

EIN RENNER soll das 1949 uraufgeführte Stück in dieser Spielzeit am Theater Heilbronn werden. Wie in der letzten die Nathusius-Inszenierung von Schillers "Räuber". Der Klassiker kann durch Regieeinfälle und die Handlung konterkarierende Bühnenbildeinfälle aber kaum gebrochen werden, ist er doch seit jeher ein Selbstläufer - wie im Kino die "Blockbuster". Dass Millers "Handlungsreisendem" kaum erklär- und begreifbare Bühnendekoration (Philipp Kiefer) und Regieeinfälle aus der Schauspielschule wenig anhaben können, bewies die Reaktion der Heilbronner Zuschauer. Ihnen war es auch wurscht - wie schon bei den "Räubern" - dass der Schluss nicht wie vom Autor niedergeschrieben serviert wurde. Die "erbarmungslose Härte des Existenzkampfes" in diesem Stück, und deren Parallelen zu heute, lassen mitleiden und rühren zu Tränen. Und das schon seit mehr als einem halben Jahrhundert.

echo am Sonntag

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