Im Neuenstädter Burggraben Kleists „Käthchen
von Heilbronn“
Alles verlernt zugunsten eines Höhenflugs
Von
Jürgen Dieter Ueckert
Den langgehegten Wunsch hat sich die Neuenstädter
Laienbühne erfüllt: In diesem Sommer endlich wird im Burggraben Heinrich von
Kleists „Das Käthchen von Heilbronn“ gespielt. Einen ,,volksliedhaften
Charakter“ sollte die Neuenstädter Fassung erhalten - so verkündete Eberhard
Bim, der die „Freie Bearbeitung“ des Stückes besorgte und auch den Friedrich
Wetter Graf vom Strahl spielt. Warum hatte man sich den langgehegten Wunsch
nicht schon früher erfüllt? Paul Wanner, der 88-jährige Nestor des württembergischen
Volkstheaters, ein Mann, der den Neuenstädtem seit Jahren innigst verbunden
war, dessen Theaterstücke mannigfach auf der Burggraben-Bühne gespielt wurden,
lehnte schon vor Jahren ab, das Käthchen im Kocherstädtchen zu spielen. Und
Georg Hahn, der Berufsregisseur mit langer Freilichtbühnen-Erfahrung, der den
Neuenstädter Laienspielern in den zurückliegenden sieben Jahren viele Impulse
zu geben vermochte, auch er hatte den Plan unverblümt von sich geschoben, das
große Ritterschauspiel von der Feuerprobe zu inszenieren. Blieb also der Schauspieler-Regisseur
Ernst Dauscher, der glücklich war, endlich ein kleiner „Freilicht-Intendant“ zu
werden.
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Eine Binsenwahrheit: Laienspieler auf Freilichtbühnen
sind keine Berufsschauspieler. Aber in Neuenstadt am Kocher besitzt man eine
nahezu 30-jährige Spieltradition, auf die man mit Grund sehr stolz ist. Der
Regisseur Georg Hahn über die Laienspieler im Jahre 1982: „Ich habe in den
sieben Jahren in Neuenstadt versucht, ihnen einiges vom Handwerk beizubringen.
Allerdings habe ich mich immer dagegen gewehrt, daß sie Hochdeutsch sprechen.
Sie sollten in der Sprache bleiben, in der sie leben und lebendig sind. Wenn
die Laien Hochdeutsch sprechen, wird rezitiert, dann wird's gehaltlos und ausdruckslos."
- Im vergangenen Spieljahr, als Hahn diese Worte in einem Interview zu seiner
letzten Neuenstädter Inszenierung formulierte, stand noch Paul Wanners „Die Altweibermühle“
- im Dialekt gesprochen - auf dem Freilicht-Programm. Der Wunschtraum der Neuenstädter
- geronnen zu einem Trauma? Das Käthchen rezitiert von Laien; ein Versuch,
Bühnendeutsch zu sprechen - Georg Hahns Worte wurden bei der Premiere im
Burggraben voll bestätigt und zur bedrückenden Wirklichkeit des Abends.
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Ging es bei den Komödien, Schwänken und Possen auf der
Burggraben-Bühne immer hoch her, wurde derb und laut auf den Effekt gesetzt,
oftmals auch so danebengehauen, daß einem vor lauter Lachen oder Entsetzen
schwindelte, so bot man doch insgesamt munter gespieltes, engagiert und angemessenes
Laientheater. Beim Käthchen aber scheint vieles einst Erlernte, Erprobte
vergessen zu sein: Man stolziert staksig über die Bühne, eingezwängt in Kostüme,
als wäre man gerade aus kitschigen Prunkbildern gestiegen, formt eine
Kunstsprache, die nur noch künstlich mit heißem Atem ausgestoßen wird - aber
nicht das Stück leben läßt. Kurz gesagt: Die Männer halten sich am Knauf ihrer
Degen fest, die Damen raffen die Röcke. Vornehme Adelswelt im Amateurtheater
wirkt lächerlich, wenn man sie tierisch ernst nimmt. Es war doch schon einmal
so, daß Neuenstädter Laien auch über die Bühne gehen, Bewegungen mit Sprache
und Gestus in ein Verhältnis setzen konnten. Alles verlernt zugunsten eines
Höhenflugs?
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Auch wenn das Käthchen am Heilbronner Stadttheater zur
Eröffnung des Neubaus nicht gespielt wurde, so stand es bei uns im Südwesten in
den letzten Jahren doch immer wieder auf den Spielplänen der Theater: Am
Heilbronner Theater gab's Georg Hahns Inszenierung, am Staatstheater in
Karlsruhe spielte gar eine Heilbronnerin das Käthchen und Claus Peymann
inszenierte mit Kleists Stück einen seiner ganz großen Erfolge am
Staatstheater in Stuttgart. Das „Käthchen“ als ernsthaftes Ritterschauspiel -
das wirkt von vornherein lächerlich. Aber auch als Märchen, in dem Ritter eben
ritterlich sind, kann es nur naiv sein. Kleists Kampf einer bürgerlichen Liebe
mit den starren Vorstellungen der herrschenden Klasse, des Adels, ist ein
Kampf, der in Träume entweicht, in einer Traumwelt nahe dem Tode neue
Qualitäten erhält, die Grenze zur Wirklichkeit wieder zu erreichen sucht. Will
man ein volksliedhaftes Märchen daraus machen, dann muß auch Kleists Sprache,
ja das ganze Stück umgeschrieben werden. Das „Käthchen" in
schwäbisch-fränkischem Dialekt - das hätte nach Neuenstadt gepasst, wäre der
Qualität der Bühne und der Laienspieler vielleicht angemessen gewesen.
Kleists zum Teil amputierte Sprach- und Bild-Gewalt selbst aber erdrückte hier
das Spiel der Laien dazu noch.
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Warum hängt sich in Neuenstadt eigentlich ein blitzsauberes
Bürgertöchterchen in immer dem gleichen schnuckligen Kostüm an das Prachtgewand
eines Don-Giovanni- Grafen, den es unabänderlich zu lieben meint? Warum nur?
Die Worte des Textes sagen: Sie ist ein Tramp, ein Groupie, das verzaubert oder
gar mit Drogen vollgestopft sein muß, außer sich, eine „Ver-rückte“, eine
träumende, ohnmächtige Kleist-Frauengestalt. Das Käthchen schläft bei den Pferden,
auf einer Wiese und zeigt sich in Neuenstadt doch immer, als trete sie gerade
aus der Spinnstube, fern jeglicher Haus- und Stallarbeit. So log man Kleist mit
jenem süßlichen Kostüm aus dem Fundus romantisierender Touristenideologie an,
sich selbst und die Zuschauer aber auch. - Eva Roth, die 16jährige Realschülerin,
war bestimmt ein hübsches Käthchen mit einer schönen Stimme. Wenn sie auch
noch das Käthchen hätte spielen dürfen, wie erregend wäre das für sie und die
Zuschauer gewesen.
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Den Text des Stückes zu verändern - das ist legitim.
Aber wenn schon ein Märchen, ein Volkslied nahe dem Bänkelgesang - ja, warum
fehlen dann der „lichtumflossene Cherub“, die Giftmischerin Kunigunde, das
Gottesgericht, der Kaiser, der seine leibliche Tochter Käthchen anerkennt? Wo
sind sie abgeblieben, die ach so volkstheatergemäßen Züge im Kleist-Stück? Blöde
Vernünftelei gegen das traum-geschwängerte Kleist-Schauspiel - das war
unnötig. Denn damit erklärt sich kaum mehr etwas. Kunigunde, die aus künstlichen
Körperteilen zusammengesetzte Verlobte des Grafen vom Strahl, wird kurz
Umrissen - aber nicht als tragische, adlige, auch liebende Gegenspielerin des
Käthchens verdeutlicht. Daß das Käthchen ein Bastard aus den Lenden des
Kaisers ist, wird verschwiegen. Und zum Schluß wird sie dennoch als
„Prinzessin von Schwaben“ deklariert? Wie das? Märchen und Träume sind nicht
unbedingt mit kausalem Denken zu ergründen. Die Geschichte aber muß stimmen.
In Neuenstadt schlägt sie Purzelbäume.
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Zu lachen gab's wenig im Burggraben. Die Laien stand auf
der Bühne und deklamierten. Nach einer vollen Stunde prasselte der Beifall im
Publikum: Auf der Bühne war - ruck, zuck - ein Ritter erstochen worden. Auch
die Thurneck-Burg brannte seltsam un-integriert ins Bühnengeschehen - ohne den
rettenden Cherubin - vor sich hin. Dafür war die Heirat am Schluß umso schöner:
das Elizabeth-II-Jubiläum - die englische Femsehhochzeit vor 30 Jahren - läßt
grüßen. Von einem Traum aber, einer Kleist‘schen Frauengestalt, war wenig zu
sehen. Neuenstadts Käthchen erlebte die Grenze vom Traum zur Wirklichkeit am
Ende nicht in einer Ohnmacht. Sie stand fest auf dem Asphaltboden der Amateur-Bühnen-Wirklichkeit
im Burggraben. Und die zivilisierte Wirklichkeit unserer Tage holte das Spiel
am Abend sehr oft ein: Romantik zwitschernder Vögel, gemischt mit einem Auto-
und Mofa-Lärm, der das Tönen in der Inszenierung derart überdeckte, daß kaum
ein Wort zu verstehen war.
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Was brachte nun der neue Regisseur Emst Dauscher seinen
Laienspielern? Den tumben Trommelwirbel zwischen den Szenen? Die naiv glitzernden
Opern-Kostüme - mittelalterlich und renaissancehaft verzuckert? Die Unbeweglichkeit
der Figuren im Theater-Spiel? Das Aussparen jeglicher Erotik? Das an Kleist-Gedanken
Sich-vorbei-Mogeln? Das alles bestimmt. Aber vor allem die Reduzierung des
Laienspiels auf die naiven Anfänge von Theaterspiel. Nach dieser Inszenierung
müssen die Spieler in Neuenstadt sich besinnen. Warum nur hat man sich derart
gegen den Rat der alten Freunde des Neuenstädter Freilichttheaters vergriffen?
Nur um den Burggraben mit Zuschauern vollzubekommen? Um den Heilbronnern zu
zeigen, daß man in Neuenstadt am Kocher auch „richtig“ Theater spielen kann?
Laientheater-Spiel ist eine zarte Pflanze. Man kann sie mit zu starken und
literarisch-gewichtigen Stücken zerstören.
Neckar-Express
Rhein-Neckar-Zeitung
Süddeutscher-Rundfunk
10.Juni
1983