Ein vorweihnachtlicher Spaß für Kinder im Heilbronn Stadttheater
„Der Lebkuchenmann“ rockt übers Küchenbord
Von Jürgen Dieter
Ueckert
Theater
für Kinder soll kein Theater von Doofen für Doofe sein. Ein sehr deutlicher
Satz aus der bunten Vorstellungsrede Klaus Wagners vor dem Heilbronner
Gemeinderat im Jahre 1979 - wenige Minuten bevor ihn eine Mehrheit zum
Prinzipal des Stadttheaters kürte.
Was
Kindern und Jugendlichen bisher in der Intendanten-Aera Klaus Wagner an
Stücken geboten wurde, entspricht bestimmt in den seltensten Fällen den
pädagogischen Aufklärungs- und Mitspielabsichten verbissener Theater-Sozialarbeiter
aus den siebziger Jahren.
Aber
,,Klassenfeind", „Was heißt denn hier Liebe" und auch die
alljährlichen Märchen, ob nun „Ali Baba" oder jetzt „Der
Lebkuchenmann", weisen sich nicht nur als Publikumserfolge aus, sondern
sind mit Engagement und großem Aufwand hergestellte Theater-Produktionen - dem
Erwachsenentheater durchaus ebenbürtig. Nein, die Heilbronner Theatermacher
experimentieren nicht für oder mit Kindern und Jugendlichen — sie bieten
bundesrepublikanisches Stadttheater-Niveau für Kinder der achtziger Jahre.
„Vielfalt
und Überraschung“ lautet ein Standard-Motto des Hauses am Berliner Platz. In
Kinderträume mit den Mitteln des Theaters einzusteigen ist ein legitimes
Unterfangen. Damit dürfte das junge Publikum schon halb gefesselt sein. Es gab
eine Zeit, in der das Theater - neben der Kirche - im weltlichen Raum noch die
einzige reale Illusion auf Erden war. Eine Welt, in der es ansonsten nur die
donnernden und tosenden Naturgewalten, Menschen- oder Tierstimmen gab. Damals
konnte ein größtenteils unverbildetes Publikum die Spannung zwischen Illusion
und Wirklichkeit als eine durchaus eigene Realität begreifen.
Heute
scheint das nur noch Kindern zu gelingen. So feiert also „Der
Lebkuchenmann", das eingedeutschte Musical des Engländers David Wood, im
Großen Haus des Stadttheaters Heilbronn, derzeit in zwei Vorstellungen
täglich, einen Erfolg, der die Kinder nach nahezu jeder Vorstellung „Zu-ga-be,
Zu-ga-be" brüllen läßt. Und das trotz ellenlanger Wortwürmer in der nicht
gerade berauschenden Übersetzung („Teeblätter haben schon immer magische
Wahrsage-Eigenschaften gehabt").
Das
Staunen ist des Wunderns liebstes Kind - und das Wunder das liebste Kind des
Glaubens. Zauber als Beigabe oder Voraussetzung für die Wunder ist dabei
unbedingt vonnöten. Walt Disney verwandte ihn in seinen Zeichentrickfilmen,
eigentlich jeder Märchenerzähler, wenn er die schnöde, langweilige Realität
des Alltags abstreifte.
Leblose
Gegenstände der genormten Welt erhalten auf diesem Wege einen Odem, der sie in
die Traumlandschaften trägt, die vornehmlich Kinder als ihre Welt betrachten. Logische
und vernünftige Erwägungen werden mit einer alle Grenzen überschreitenden Phantasie gesprengt.
Im Land Phantasia oder im Schlummerland hat die anarchische Freiheit noch ihre
eigentliche Heimat.
Im
„Lebkuchenmann“ wird ein schlichtes Küchenbord in einem ganz biederen
Kleinbürgerhaushalt zum Land der Träume. Eierbecher, Teigrolle, Briefe,
Gewürzdosen, Teekanne, Radio, Teller, eine H-Milch-Tüte mit Strohhalm oder
eine Cola-Dose: das ist Bühnendekoration und so ungewohnt groß, daß das
Staunen sich in vielen Oh‘s und Ah‘s ergießt, wenn sich der Vorhang öffnet.
Nächstes
Wunder: die Kuckucksuhr-Tür öffnet sich, und Leben ist auf der Bühne. Tragische
Exposition: Der Mann in der Uhr ist heiser und soll nach Ansicht der
„Großen" (Erwachsene) ob seiner kläglichen Stunden-Rufe in den Mülleimer
wandern.
Der
Tod als Begleiter des Lebens ist somit auch im Lande Phantasia zur Stelle.
Aber Wichtelmänner wissen ihn bekanntlich auszutricksen. Ein Lebkuchenmann
vor allem in der Vorweihnachtszeit ist zum Naschen da. Kinder schreien
trotzdem ,,Nein", wenn es auf der Bühne grausam heißt: „Die Großen werden
Dich auffressen, solange Du knusprig bist!" –
Und
die genial Widersprüchlichen, die Kinder im Zuschauerraum verschlingen in der Pause
genüßlich das teigige Programmheft des Lebkuchenmanns. Hosianna und kreuziget
ihn. Theater ist Leben.
Helden
sind in unserer Zeit wieder gefragt. Aber der Lebkuchenmann in seiner Mischung
aus Rocky-Horror-Picture-Show und Golem demonstriert nur naives
Siegfried-Leben: noch ganz warm, leblos und ohne Gesicht wird er von einem
Käptn Salz - dem Jupiter dieser Märchenwelt - und der Urmutter Fräulein
Pfeffer geformt, versehen mit einem Mandel-Rosinen- Gesicht und mittels
gemahlenem Pfeffer zum Leben erweckt.
So
darf dann unser neuer Märchen-Herkules die kraftvollen Abenteuer auf dem
Küchenbord durchstehen, indem er sich von Podest zu Etage Tarzan-gleich
hangelt, um den heilenden Saft, den Honig für den armen Herrn von Kuckuck zu
stibitzen.
Störenfriede
der guten Absichten treten notwendigerweise auch auf: ein alter schon fast
vergessener englischer Teebeutel mit Jungfernallüren und einer Gier nach
Zuwendung, sowie eine Supermaus aus dem Mafia-Milieu namens Flitsch Gamasche
mit ellenlangem Schwanz.
Bei
englischen Märchen sind bunter Zuckerguß und victorianische Prüderie als
Charakterisierung - und das jeweilige Gegenteil dazu immer präsent. Aber die
Geister, die stets das Böse wollen und nur das Gute schaffen, verhelfen
letztlich zur Gesundung des heiseren Wesens und der Geschichte, trotz
Verfolgungsjagden, Naschsucht, Rachegelüsten und Giftausstreuen der Erwachsenen,
jener „Großen ", die nur über den Lautsprecher anonym im Märchen hörbar
sind.
Birke
Brucks Inszenierung des Kindermusicals ist teilweise recht grob geschnitzt, ein
Aufdröseln der skurrilen Personen unterbleibt, und das Spiel leidet auch ein
wenig unter den Mikrofonen und Lautsprechern, mittels derer Schauspieler ihre
teilweise dürftigen Gesangskünste vermitteln. Choreografisch munter dagegen
sind die Tanzeinlagen von Frank Schröder erarbeitet - und trotzdem:
Gesangsnummern werden von den Kindern frenetisch beklatscht goutiert.
The
Show must go on - und das ist vornehmlich den Schauspielern zu verdanken. Eine
Heidenarbeit haben sie zu bewältigen: zwei Kindervorstellungen am Tag und
abends Theater für die Großen. Allen voran der lockere Lebkuchenmann des
Christopher Krieg, der trotz aller Spielfreude seine Rolle als positiver Held
nicht recht über die Rampe zu bringen vermag - liegt's an der Inszenierung?
Dagegen
wird der bemitleidenswerte heisere Herr von Kuckuck des Frank Schröder dank
seines akkuraten Spiels von den Gefühlen der Kinder getragen. Temperamentvoll
läßt Ingrid Richter- Wendel ihr Fräulein Pfeffer als überdrehte
Flamenco-Tänzerin-Imitation ablaufen. Und auch der textlich ein wenig dröge
ausgestattete Käpt’n Salz des Michael Tasche darf sein alt-väterlich-dominierendes
Wesen deutlich machen.
Flitsch
Gamasche, Martin Krieners Mausdarstellung mit den Wortverwechslungen (kekkere
Last, eh, nein, leckere Kost), erregt Abscheu bei den Kindern, teilweise so
diabolisch, daß sie ihn am Schluß gar nicht mehr mitspielen lassen wollen.
Und
schließlich Thomas Klenk in der Rolle des alten Teebeutels: er macht aus der
jungferlichen Person eine schöne Studie puritanischer Strenge, gepaart mit toleranten
Schwachmomenten - immer heiser den Genüssen des Lebens entgegenstrebend.
Schöne
Verwirrspiele sind meistens erklärbar. Warum aber Erwachsene Mäusegift auf ihren
Küchenschrank werfen, warum die Mafia-Maus den Radio-Lautsprecher völlig unbemerkt
zerstören muß, um einen Auftritt zu haben, warum ein Teesieb als Mausefalle
benutzt wird, wenn im Haushalt nur Teebeutel konsumiert werden - das sind
müßige Fragen an eine nicht vorhandene Produktionsdramaturgie.
Birke
Brucks Märchen-Inszenierung ist stellenweise ein von einem dramatischen Knoten
zum nächsten hüpfende Kunterbunt-Märchen, das dank der Schauspieler und ihrer
Spielfreude und -lust immer wieder abschnurrt wie ein Uhrwerk.
Neckar-Express
Nummer
50 / Seite 10
Donnerstag,
11. Dezember 1986
Rhein-Neckar-Zeitung
11.12.1986
Süddeutscher
Rundfunk
Freitag,
12.12.1986
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen