Montag, 31. März 2014

Stadtheater Heilbronn - Kindertheater - "Der Lebkuchenmann" (1986)


Ein vorweihnachtlicher Spaß für Kinder im Heilbronn Stadttheater

„Der Lebkuchenmann“ rockt übers Küchenbord

Von Jürgen Dieter Ueckert

Theater für Kinder soll kein Theater von Doofen für Doofe sein. Ein sehr deutlicher Satz aus der bunten Vorstellungsrede Klaus Wagners vor dem Heil­bronner Gemeinderat im Jahre 1979 - wenige Minuten bevor ihn eine Mehrheit zum Prinzipal des Stadttheaters kürte.

Was Kindern und Jugendli­chen bisher in der Intendanten-Aera Klaus Wagner an Stücken geboten wurde, ent­spricht bestimmt in den selten­sten Fällen den pädagogischen Aufklärungs- und Mitspielab­sichten verbissener Theater-So­zialarbeiter aus den siebziger Jahren.

Aber ,,Klassenfeind", „Was heißt denn hier Liebe" und auch die alljährlichen Mär­chen, ob nun „Ali Baba" oder jetzt „Der Lebkuchenmann", weisen sich nicht nur als Publi­kumserfolge aus, sondern sind mit Engagement und großem Aufwand hergestellte Theater-Produktionen - dem Erwachse­nentheater durchaus ebenbür­tig. Nein, die Heilbronner Theatermacher experimentie­ren nicht für oder mit Kindern und Jugendlichen — sie bieten bundesrepublikanisches Stadt­theater-Niveau für Kinder der achtziger Jahre.

„Vielfalt und Überraschung“ lautet ein Standard-Motto des Hauses am Berliner Platz. In Kinderträume mit den Mitteln des Theaters einzusteigen ist ein legitimes Unterfangen. Da­mit dürfte das junge Publikum schon halb gefesselt sein. Es gab eine Zeit, in der das Theater - neben der Kirche - im weltlichen Raum noch die ein­zige reale Illusion auf Erden war. Eine Welt, in der es ansonsten nur die donnernden und tosenden Naturge­walten, Menschen- oder Tier­stimmen gab. Damals konnte ein größ­tenteils unverbildetes Publikum die Spannung zwischen Illusion und Wirklichkeit als eine durch­aus eigene Realität begreifen.

Heute scheint das nur noch Kindern zu gelingen. So feiert also „Der Lebkuchenmann", das eingedeutschte Musical des Engländers David Wood, im Großen Haus des Stadttheaters Heilbronn, derzeit in zwei Vor­stellungen täglich, einen Erfolg, der die Kinder nach nahezu je­der Vorstellung „Zu-ga-be, Zu-ga-be" brüllen läßt. Und das trotz ellen­langer Wortwürmer in der nicht gerade berauschenden Überset­zung („Teeblätter haben schon immer magische Wahrsage-E­igenschaften gehabt").

Das Staunen ist des Wunderns liebstes Kind - und das Wunder das liebste Kind des Glaubens. Zauber als Beigabe oder Voraussetzung für die Wunder ist da­bei unbedingt vonnöten. Walt Disney verwandte ihn in seinen Zeichentrickfilmen, eigentlich jeder Märchenerzähler, wenn er die schnöde, langweilige Rea­lität des Alltags abstreifte.

Leb­lose Gegenstände der genorm­ten Welt erhalten auf diesem Wege einen Odem, der sie in die Traumlandschaften trägt, die vornehmlich Kinder als ihre Welt betrachten. Logische und vernünftige Erwägungen wer­den mit einer alle  Grenzen überschreitenden Phantasie ge­sprengt. Im Land Phantasia oder im Schlummerland hat die anarchi­sche Freiheit noch ihre eigentliche Heimat.

Im „Lebkuchenmann“ wird ein schlichtes Küchenbord in einem ganz biederen Kleinbürger­haushalt zum Land der Träume. Eierbecher, Teigrolle, Briefe, Gewürzdosen, Teekanne, Ra­dio, Teller, eine H-Milch-Tüte mit Strohhalm oder eine Cola-Dose: das ist Bühnendekora­tion und so ungewohnt groß, daß das Staunen sich in vielen Oh‘s und Ah‘s ergießt, wenn sich der Vorhang öffnet.

Nächstes Wunder: die Kuckucksuhr-Tür öffnet sich, und Leben ist auf der Bühne. Tragische Exposi­tion: Der Mann in der Uhr ist heiser und soll nach Ansicht der „Großen" (Erwachsene) ob seiner kläglichen Stunden-Rufe in den Mülleimer wandern.

Der Tod als Begleiter des Le­bens ist somit auch im Lande Phantasia zur Stelle. Aber Wich­telmänner wissen ihn bekanntlich auszutricksen. Ein Lebku­chenmann vor allem in der Vor­weihnachtszeit ist zum Naschen da. Kinder schreien trotzdem ,,Nein", wenn es auf der Bühne grausam heißt: „Die Großen werden Dich auffressen, so­lange Du knusprig bist!" –

Und die genial Widersprüchlichen, die Kinder  im Zuschauerraum verschlingen in der Pause genüßlich das teigige Programmheft des Leb­kuchenmanns. Hosianna und kreuziget ihn. Theater ist Le­ben.

Helden sind in unserer Zeit wieder gefragt. Aber der Lebkuchenmann in seiner Mischung aus Rocky-Horror-Picture-Show und Golem demonstriert nur naives Siegfried-Leben: noch ganz warm, leblos und ohne Ge­sicht wird er von einem Käptn Salz - dem Jupiter dieser Mär­chenwelt - und der Urmutter Fräulein Pfeffer geformt, verse­hen mit einem Mandel-Rosinen- Gesicht und mittels gemahle­nem Pfeffer zum Leben erweckt.

So darf dann unser neuer Mär­chen-Herkules die kraftvollen Abenteuer auf dem Küchenbord durchstehen, indem er sich von Podest zu Etage Tarzan-gleich hangelt, um den heilenden Saft, den Honig für den armen Herrn von Kuckuck zu stibitzen.
Störenfriede der guten Ab­sichten treten notwendiger­weise auch auf: ein alter schon fast vergessener englischer Tee­beutel mit Jungfernallüren und einer Gier nach Zuwendung, so­wie eine Supermaus aus dem Mafia-Milieu namens Flitsch Gamasche mit ellenlangem Schwanz.

Bei englischen Mär­chen sind bunter Zuckerguß und victorianische Prüderie als Charakterisierung - und das je­weilige Gegenteil dazu immer präsent. Aber die Geister, die stets das Böse wollen und nur das Gute schaffen, verhelfen letztlich zur Gesundung des heiseren Wesens und der Ge­schichte, trotz Verfolgungsjag­den, Naschsucht, Rachegelü­sten und Giftausstreuen der Er­wachsenen, jener „Großen ", die nur über den Lautsprecher an­onym im Märchen hörbar sind.

Birke Brucks Inszenierung des Kindermusicals ist teilweise recht grob geschnitzt, ein Auf­dröseln der skurrilen Personen unterbleibt, und das Spiel leidet auch ein wenig unter den Mikrofonen und Lautsprechern, mittels derer Schauspieler ihre teilweise dürftigen Gesangs­künste vermitteln. Choreogra­fisch munter dagegen sind die Tanzeinlagen von Frank Schrö­der erarbeitet - und trotzdem: Gesangsnummern werden von den Kindern frenetisch be­klatscht goutiert.

The Show must go on - und das ist vornehmlich den Schau­spielern zu verdanken. Eine Heidenarbeit haben sie zu bewältigen: zwei Kindervorstel­lungen am Tag und abends Theater für die Großen. Allen voran der lockere Lebkuchenmann des Christopher Krieg, der trotz aller Spielfreude seine Rolle als positiver Held nicht recht über die Rampe zu brin­gen vermag - liegt's an der In­szenierung?

Dagegen wird der bemitleidenswerte heisere Herr von Kuckuck des Frank Schrö­der dank seines akkuraten Spiels von den Gefühlen der Kinder getragen. Tempera­mentvoll läßt Ingrid Richter- Wendel ihr Fräulein Pfeffer als überdrehte Flamenco-Tänzerin-Imitation ablaufen. Und auch der textlich ein wenig dröge ausgestattete Käpt’n Salz des Michael Tasche darf sein alt-väterlich-dominierendes Wesen deutlich machen.

Flitsch Gamasche, Martin Krieners Mausdarstellung mit den Wortverwechslungen (kekkere Last, eh, nein, leckere Kost), erregt Abscheu bei den Kindern, teilweise so diabolisch, daß sie ihn am Schluß gar nicht mehr mitspielen lassen wollen.
Und schließlich Thomas Klenk in der Rolle des alten Teebeu­tels: er macht aus der jungferlichen Person eine schöne Stu­die puritanischer Strenge, ge­paart mit toleranten Schwachmomenten - immer heiser den Genüssen des Lebens entge­genstrebend.

Schöne Verwirrspiele sind meistens erklärbar. Warum aber Erwachsene Mäusegift auf ih­ren Küchenschrank werfen, warum die Mafia-Maus den Ra­dio-Lautsprecher völlig unbe­merkt zerstören muß, um einen Auftritt zu haben, warum ein Teesieb als Mausefalle benutzt wird, wenn im Haushalt nur Teebeutel konsumiert werden - das sind müßige Fragen an eine nicht vorhandene Produktions­dramaturgie.

Birke Brucks Märchen-Insze­nierung ist stellenweise ein von einem dramatischen Knoten zum nächsten hüpfende Kunterbunt-Märchen, das dank der Schauspieler und ihrer Spiel­freude und -lust immer wieder abschnurrt wie ein Uhrwerk.

Kindern und Erwachsenen ist der Heilbronner Lebkuchen­mann als Weihnachtseinstim­mung durchaus zu empfehlen. Kein Stück für Doofe, aber auch keine allzu gewichtige Kindertheater-Produktion.


Neckar-Express
Nummer 50 / Seite 10
Donnerstag, 11. Dezember 1986
Rhein-Neckar-Zeitung
11.12.1986
Süddeutscher Rundfunk
Freitag, 12.12.1986

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