Montag, 31. März 2014

Freilichttheater Neuenstadt am Kocher - Kleists "Das Käthchen von Heilbronn" (1983)



Im Neuenstädter Burggraben Kleists „Käthchen von Heilbronn“

Al­les verlernt zugunsten eines Höhenflugs

Von Jürgen Dieter Ueckert

Den langgehegten Wunsch hat sich die Neuenstädter Laienbühne erfüllt: In diesem Sommer endlich wird im Burggraben Heinrich von Kleists „Das Käthchen von Heil­bronn“ gespielt. Einen ,,volksliedhaften Charakter“ sollte die Neuenstädter Fassung er­halten - so verkündete Eber­hard Bim, der die „Freie Bear­beitung“ des Stückes besorgte und auch den Friedrich Wetter Graf vom Strahl spielt. Warum hatte man sich den langgeheg­ten Wunsch nicht schon früher erfüllt? Paul Wanner, der 88-jährige Nestor des württembergischen Volkstheaters, ein Mann, der den Neuenstädtem seit Jahren innigst verbunden war, dessen Theaterstücke mannigfach auf der Burggra­ben-Bühne gespielt wurden, lehnte schon vor Jahren ab, das Käthchen im Kocherstädt­chen zu spielen. Und Georg Hahn, der Berufsregisseur mit langer Freilichtbühnen-Erfahrung, der den Neuenstädter Laienspielern in den zurückliegenden sieben Jahren viele Impulse zu geben vermochte, auch er hatte den Plan unver­blümt von sich geschoben, das große Ritterschauspiel von der Feuerprobe zu inszenieren. Blieb also der Schauspieler-Regisseur Ernst Dauscher, der glücklich war, endlich ein kleiner „Freilicht-Intendant“ zu werden.
***
Eine Binsenwahrheit: Laien­spieler auf Freilichtbühnen sind keine Berufsschauspieler. Aber in Neuenstadt am Kocher besitzt man eine nahezu 30-jährige Spieltradition, auf die man mit Grund sehr stolz ist. Der Regisseur Georg Hahn über die Laienspieler im Jahre 1982: „Ich habe in den sieben Jahren in Neuenstadt versucht, ihnen einiges vom Handwerk beizubringen. Allerdings habe ich mich immer dagegen gewehrt, daß sie Hochdeutsch sprechen. Sie sollten in der Sprache bleiben, in der sie leben und lebendig sind. Wenn die Laien Hochdeutsch spre­chen, wird rezitiert, dann wird's gehaltlos und aus­druckslos." - Im vergangenen Spieljahr, als Hahn diese Wor­te in einem Interview zu seiner letzten Neuenstädter Inszenierung formulierte, stand noch Paul Wanners „Die Altweiber­mühle“ - im Dialekt gespro­chen - auf dem Freilicht-Pro­gramm. Der Wunschtraum der Neuenstädter - geronnen zu einem Trauma? Das Käthchen rezitiert von Laien; ein Versuch, Bühnendeutsch zu sprechen - Georg Hahns Worte wurden bei der Premiere im Burggra­ben voll bestätigt und zur bedrückenden Wirklichkeit des Abends.
***
Ging es bei den Komödien, Schwänken und Possen auf der Burggraben-Bühne immer hoch her, wurde derb und laut auf den Effekt gesetzt, oftmals auch so danebengehauen, daß einem vor lauter Lachen oder Entsetzen schwindelte, so bot man doch insgesamt munter gespieltes, engagiert und angemessenes Laientheater. Beim Käthchen aber scheint vieles einst Erlernte, Erprobte vergessen zu sein: Man stol­ziert staksig über die Bühne, eingezwängt in Kostüme, als wäre man gerade aus kitschi­gen Prunkbildern gestiegen, formt eine Kunstsprache, die nur noch künstlich mit heißem Atem ausgestoßen wird - aber nicht das Stück leben läßt. Kurz gesagt: Die Männer hal­ten sich am Knauf ihrer Degen fest, die Damen raffen die Röcke. Vornehme Adelswelt im Amateurtheater wirkt lächer­lich, wenn man sie tierisch ernst nimmt. Es war doch schon einmal so, daß Neuen­städter Laien auch über die Bühne gehen, Bewegungen mit Sprache und Gestus in ein Verhältnis setzen konnten. Al­les verlernt zugunsten eines Höhenflugs?
***
Auch wenn das Käthchen am Heilbronner Stadttheater zur Eröffnung des Neubaus nicht gespielt wurde, so stand es bei uns im Südwesten in den letz­ten Jahren doch immer wieder auf den Spielplänen der Thea­ter: Am Heilbronner Theater gab's Georg Hahns Inszenie­rung, am Staatstheater in Karlsruhe spielte gar eine Heilbronnerin das Käthchen und Claus Peymann inszenier­te mit Kleists Stück einen sei­ner ganz großen Erfolge am Staatstheater in Stuttgart. Das „Käthchen“ als ernsthaftes Rit­terschauspiel - das wirkt von vornherein lächerlich. Aber auch als Märchen, in dem Rit­ter eben ritterlich sind, kann es nur naiv sein. Kleists Kampf einer bürgerlichen Liebe mit den starren Vorstellungen der herrschenden Klasse, des Adels, ist ein Kampf, der in Träume entweicht, in einer Traumwelt nahe dem Tode neue Qualitäten erhält, die Grenze zur Wirklichkeit wie­der zu erreichen sucht. Will man ein volksliedhaftes Mär­chen daraus machen, dann muß auch Kleists Sprache, ja das ganze Stück umgeschrie­ben werden. Das „Käthchen" in schwäbisch-fränkischem Dialekt - das hätte nach Neu­enstadt gepasst, wäre der Qua­lität der Bühne und der Laien­spieler vielleicht angemessen gewesen. Kleists zum Teil am­putierte Sprach- und Bild-Gewalt selbst aber erdrückte hier das Spiel der Laien dazu noch.
***
Warum hängt sich in Neuen­stadt eigentlich ein blitzsaube­res Bürgertöchterchen in im­mer dem gleichen schnuckligen Kostüm an das Prachtge­wand eines Don-Giovanni- Grafen, den es unabänderlich zu lieben meint? Warum nur? Die Worte des Textes sagen: Sie ist ein Tramp, ein Groupie, das verzaubert oder gar mit Drogen vollgestopft sein muß, außer sich, eine „Ver-rückte“, eine träumende, ohnmächtige Kleist-Frauengestalt. Das Käthchen schläft bei den Pfer­den, auf einer Wiese und zeigt sich in Neuenstadt doch im­mer, als trete sie gerade aus der Spinnstube, fern jeglicher Haus- und Stallarbeit. So log man Kleist mit jenem süßlichen Kostüm aus dem Fundus romantisierender Touristen­ideologie an, sich selbst und die Zuschauer aber auch. - Eva Roth, die 16jährige Realschülerin, war bestimmt ein hüb­sches Käthchen mit einer schö­nen Stimme. Wenn sie auch noch das Käthchen hätte spie­len dürfen, wie erregend wäre das für sie und die Zuschauer gewesen.
***
Den Text des Stückes zu ver­ändern - das ist legitim. Aber wenn schon ein Märchen, ein Volkslied nahe dem Bänkelgesang - ja, warum fehlen dann der „lichtumflossene Cherub“, die Giftmischerin Kunigunde, das Gottesgericht, der Kaiser, der seine leibliche Tochter Käthchen anerkennt? Wo sind sie abgeblieben, die ach so volkstheatergemäßen Züge im Kleist-Stück? Blöde Vernünftelei gegen das traum-geschwän­gerte Kleist-Schauspiel - das war unnötig. Denn damit erklärt sich kaum mehr etwas. Kunigunde, die aus künstli­chen Körperteilen zusammen­gesetzte Verlobte des Grafen vom Strahl, wird kurz Umrissen - aber nicht als tragische, adli­ge, auch liebende Gegenspie­lerin des Käthchens verdeut­licht. Daß das Käthchen ein Bastard aus den Lenden des Kaisers ist, wird verschwiegen. Und zum Schluß wird sie den­noch als „Prinzessin von Schwaben“ deklariert? Wie das? Märchen und Träume sind nicht unbedingt mit kau­salem Denken zu ergründen. Die Geschichte aber muß stim­men. In Neuenstadt schlägt sie Purzelbäume.
***
Zu lachen gab's wenig im Burggraben. Die Laien stand auf der Bühne und deklamierten. Nach einer vollen Stunde prasselte der Beifall im Publikum: Auf der Bühne war - ruck, zuck - ein Ritter erstochen worden. Auch die Thurneck-Burg brannte seltsam un-integriert ins Bühnengeschehen - ohne den rettenden Cherubin - vor sich hin. Dafür war die Heirat am Schluß umso schöner: das Elizabeth-II-Jubiläum - die englische Femsehhochzeit vor 30 Jahren - läßt grüßen. Von einem Traum aber, einer Kleist‘schen Frauengestalt, war wenig zu sehen. Neuenstadts Käthchen erlebte die Grenze vom Traum zur Wirklichkeit am Ende nicht in einer Ohn­macht. Sie stand fest auf dem Asphaltboden der Amateur-Bühnen-Wirklichkeit im Burg­graben. Und die zivilisierte Wirklichkeit unserer Tage hol­te das Spiel am Abend sehr oft ein: Romantik zwitschernder Vögel, gemischt mit einem Au­to- und Mofa-Lärm, der das Tönen in der Inszenierung derart überdeckte, daß kaum ein Wort zu verstehen war.
***
Was brachte nun der neue Regisseur Emst Dauscher sei­nen Laienspielern? Den tumben Trommelwirbel zwischen den Szenen? Die naiv glitzern­den Opern-Kostüme - mittelalterlich und renaissancehaft verzuckert? Die Unbeweglich­keit der Figuren im Theater-Spiel? Das Aussparen jeglicher Erotik? Das an Kleist-Gedan­ken Sich-vorbei-Mogeln? Das alles bestimmt. Aber vor allem die Reduzierung des Laienspiels auf die naiven An­fänge von Theaterspiel. Nach dieser Inszenierung müssen die Spieler in Neuenstadt sich besinnen. Warum nur hat man sich derart gegen den Rat der alten Freunde des Neuenstädter Freilichttheaters vergrif­fen? Nur um den Burggraben mit Zuschauern vollzubekommen? Um den Heilbronnern zu zeigen, daß man in Neuenstadt am Kocher auch „richtig“ Theater spielen kann? Laien­theater-Spiel ist eine zarte Pflanze. Man kann sie mit zu starken und literarisch-ge­wichtigen Stücken zerstören.

Neckar-Express
Rhein-Neckar-Zeitung
Süddeutscher-Rundfunk
10.Juni 1983

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen